Sonntagsporträt
Axel Richter möchte den Menschen helfen, die keiner sieht

Axel Richter kümmert sich seit 2011 um Obdachlose.
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Offenburg. Wenn Axel Richter spricht, dann ruhig und überlegt. Der Vorsitzende des Fördervereins der Pflasterstube im St. Ursulaheim in Offenburg, an der Obdachlose medizinisch versorgt werden, wählt seine Worte mit Bedacht.

Er lese gerade ein Buch über sozialen Kapitalismus. "Eine erstrebenswerte Idee", wie er sagt. Mit der derzeitigen Form des Kapitalismus ist er nicht einverstanden. "Diese Variante zerstört unsere Werte, unsere Ethik." Die Schwächsten der Gesellschaft würden das am schnellsten zu spüren bekommen.

Ein hohes Ideal

Axel Richter meint dabei eine ganz spezielle Gruppe: Obdachlose. "Jeder Mensch hat das Recht, von anderen akzeptiert zu werden", sagt er. "Mir ist dabei vollkommen egal, ob er eine schwarze oder weiße Hautfarbe hat. Wenn er in Not ist und Hunger leidet, soll ihm geholfen werden, erklärt er das Ideal seiner Tätigkeit.

Mit Blick auf seinen Lebenslauf verwundert diese klare Aussage nicht. Auch Axel Richter und seine Familie haben die Not erlebt. 1945 floh seine Mutter mit ihm und seinem Bruder aus Breslau, dem heutigen Wroclaw in Polen. Axel Richter war zu diesem Zeitpunkt eineinhalb Jahre alt.

Flucht endet in Pforzheim

Eine lange Odyssee begann: Erst landeten die Drei in der Steiermark, dann in Pforzheim. "Die Stadt war zu dieser Zeit total zerbombt", sagt der Mediziner. Willkommen waren die Flüchtlinge aus dem Osten nicht: "Die Leute wollten uns nicht haben."

Es habe Barrieren gegeben, obwohl alle Deutsch sprachen, obwohl man selbst deutscher Herkunft war. Doch er und seine Familie blieben. 1962 machte Axel Richter sein Abitur, war anschließend für ein Jahr bei der Bundeswehr und fing 1964 ein Medizinstudium in Münster an. Dort lernte er seine spätere Ehefrau Adelgunde kennen. Sie promovierten, heirateten 1970 und setzten ihre Ausbildung in Niederbayern fort.

Einen Karriereschritt weniger für die Familie

Nach Offenburg zog es sie vier Jahre später. In der chirurgischen Abteilung des städtischen Krankenhauses wurde er Assistenzarzt. Der damalige Chefarzt Professor Schmitt-Köppler machte ihn schnell zu seinem Stellvertreter. "Ihm verdanke ich eine großartige Karriere", sagt Axel Richter stolz.

Ein weiterer Karriereschritt wäre die logische Folge gewesen, doch es kam anders: "Ich wollte nicht gehen, sondern in Offenburg bleiben", sagt er. Seine Familie habe sich einfach wohlgefühlt. So war Axel Richter ab 1978 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2003 erster Oberarzt. Bei der anschließenden Frage, was er dann getan habe, lacht er und sagt: "Ich genoss die Freuden des Rentenalters." Der ehemalige Chirurg liest, malt und reist.

Hauptaufgabe ist Spenden sammeln

2011 trat Rolf Geiger von der Pflasterstube an ihn heran und fragte, ob er denn nicht ehrenamtlich mitarbeiten mag. Seine Frau bestärkte ihn: "Sie meinte zu der Zeit, ich soll mal wieder was Ernsthaftes machen", sagt er und lacht. Zwei Jahre später wurde er sogar Vorsitzender.

Die Hauptaufgabe des Vorstandes des Fördervereins besteht darin Spenden sammeln. "Nur mit Spenden und Ehrenamt kann die Pflasterstube bestehen", sagt Axel Richter. Die Obdachlosen, die medizinische Hilfe in der Pflasterstube suchen, waren am Anfang seiner ehrenamtlichen Tätigkeit nicht ganz von dem ehemaligen Mediziner überzeugt.

Mauern überwinden

"Ich war 40 Jahre Chirurg, da mussten Mauern überwunden werden." Schließlich habe er ein wenig bei dem Überwinden geholfen: Axel Richter nahm sich Zeit für die Geschichten seiner Patienten und entwickelte selbst Empathie für ihre missliche Lage.

Das tat er nicht nur in den Räumen der Pflasterstube, auch auf der Straße spricht er Obdachlose an. "Wenn ich ihn frage, wo er während einer kalten Nacht geschlafen hat, und er sagt im Erfrierungsschutz, dann ist das eine gute Nachricht", erklärt Axel Richter.

Für ein Frühstück in die Wärmestube

Wenn der Obdachlose, dann noch sage, dass er für ein Frühstück in die Wärmestube gehe und anschließend in die Pflasterstube für eine medizinische Behandelung, dann ist Axel Richter vollends zufrieden.

Die Arbeit in der Pflasterstube habe ihn geprägt. Das anfangs erwähnte Ideal, jetzt taucht es wieder auf: "Ich möchte mit meiner Arbeit dagegen angehen, dass Obdachlose von der Gesellschaft ausgegrenzt werden." Er möchte Empathie für die schwierigen Lebenssituationen von Obdachlosen erwecken. Mehr noch: Er möchte dazu beitragen, dass sie wieder ein lebenswertes Leben führen können.

Sebastian Thomas

Autor:

Sebastian Thomas aus Achern

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