Angedacht: Clemens Bühler
Rituale als Eckpunkte im Alltagsrhythmus

Clemens Bühler

„München? Lieber Berlin! – Münster find‘ ich Klasse! – Was hältst du von Saarbrücken?“ Was sich anhört wie ein Gespräch unter Bahnreisenden oder Spediteuren, könnte sich auch unter Krimifans abspielen. Jeden Sonntag nach der Tagesschau sitzen sie vor dem Fernseher und sind gespannt, was ihnen der Tatort – oder der Polizeiruf 110 – bietet. Aber man muss zugeben – und ich hoffe, dass nicht die Hälfte der Leserschaft bereits weitergeblättert hat – unsere Gesellschaft ist gespalten.

Nervenkitzel oder Romantik?

Gibt es doch in vielen Haushalten Sonntag für Sonntag die Diskussion: Tatort oder Rosamunde Pilcher? Nervenkitzel oder Romantik? Die einen wollen den Sonntag ausklingen lassen mit dem Gefühl von heiler Welt. Die anderen möchten auf die dunklen Seiten des Lebens schauen – vielleicht wirkt das eigene Leben dann umso heller? Und dabei hoffen sie doch, dass alles wieder in Ordnung kommt, dass die Gauner bestraft werden oder zumindest von ihrem unheilvollen Tun ablassen.

Es tut gut, feste Rituale zu haben

Ob Tatort oder Pilcher: Es tut gut, feste Rituale zu haben. Es wäre doch zu schade, den Sonntagabend einfach zu vertrödeln oder bereits mit der Wochenarbeit anzufangen. Ich kenne jemanden, der sich nach dem Erledigen einer größeren Aufgabe selbst in eine Pizzeria einlädt. Meine Eltern haben den wöchentlichen Einkauf in der Stadt immer in einem Café ausklingen lassen. Für viele Christen gehört zum Sonntag der Gemeindegottesdienst, und wenn das nicht möglich ist, wenigstens der Fernsehgottesdienst.

Schön ist es auch, wenn ein persönliches Ritual innerlich mit anderen Menschen verbindet, wie mit der Gottesdienstgemeinde, wenn ich im Café immer wieder dieselben Bekannten treffe oder am Montag im Betrieb Tatort-Eindrücke austauschen kann. Es braucht solche Eckpunkte im eigenen Alltagsrhythmus und im gesellschaftlichen Gefüge, wo es nicht immer gleich um das große Ganze oder um die Rettung der Welt geht.

Haben Sie auch liebgewordene Rituale, die den Alltag leichter machen und strukturieren können? Vielleicht sind Sie heute Abend ja auch „in Saarbrücken“.
Clemens Bühler, Leiter des Bildungszentrums Offenburg

Autor:

Rembert Graf Kerssenbrock aus Kehl

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