Suchtgefahr: Schon früh präventiv handeln – qualifizierte Familienzeiten
Handy als Babysitter hat nur vermeintliche Vorteile

Für Kinder und Jugendliche sollte das Smartphone nur ein zeitlich begrenzter Spaß sein.
  • Für Kinder und Jugendliche sollte das Smartphone nur ein zeitlich begrenzter Spaß sein.
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  • hochgeladen von Stefan Schartel

Ortenau (ds). Ob zu Hause auf der Couch, auf dem Weg zur Schule oder beim Familienausflug am Sonntag – das Smartphone gehört zum ständigen Begleiter. Ohne Whatsapp, Youtube und Online-Game, so scheint es, können Jugendliche heute nicht mehr existieren. Laut einer aktuellen Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (MPFS) besitzen 95 Prozent aller Jugendlichen ein Smartphone. Auch bei Kindern ab sechs Jahren steigt die Zahl stetig an. Längst nicht alle Eltern haben die exzessive Handynutzung ihrer Kinder unter Kontrolle und fürchten sogar, dass diese eine regelrechte Sucht entwickeln.

Michael Karle, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche des Ortenaukreises in Achern, weiß, dass nicht jeder "Heavy User" gleich süchtig ist. Die Gefahr allerdings kennt er nur allzu gut. "Wenn es nicht mehr 'ohne' geht, wenn alle real notwendigen Dinge des Lebens zu kurz kommen oder gar nicht mehr wahrgenommen werden können, dann müssen wir von Sucht sprechen", stellt Karle fest. Am heilsamsten sei noch der Schock, wenn ein Jugendlicher selbst die Situation erkenne und merke, dass er Unterstützung braucht. "Da können wir ansetzen und gemeinsam Lösungen entwickeln."

Doch so weit muss es erst gar nicht kommen. Michael Karle rät Eltern, schon sehr früh präventiv zu handeln. Selbstverständlich weiß er um die vermeintlichen Vorteile, die Smartphones oder Spielekonsolen als Babysitter mit sich bringen: "Die Kinder stören nicht, sind beschäftigt und aufräumen muss man hinterher auch nichts", sagt der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Wie beim Fernsehen sollte man den Kindern aber von vorneherein vermitteln, dass es sich bei Handy, Konsole und Co. um einen zeitlich begrenzten Spaß handelt. "Ganz verteufeln wäre falsch, denn dann werden die Dinge erst richtig interessant", warnt der Fachmann.

In der Beratungsstelle rät man zu Gutscheinen für Medienzeiten schon für Vier- bis Fünfjährige. "Damit werden die Kinder darin gefördert, eine Auswahl zu treffen", so Karle. Kommen diese dann in die Pubertät, sei es sehr hilfreich, dass sie das Prozedere kennen und etwa auch daran gewöhnt sind, das Handy nachts abzugeben. "Eltern sollen sich bewusst machen, dass sie es sind, die die Hoheit darüber haben", mahnt er. Man dürfe Mut zur Auseinandersetzung haben. Werden die Kinder älter, helfen auch Medienverträge. Zehn-, Elf-, und Zwölfjährige schließen gern Verträge ab. Schafft es das Kind noch nicht, den Vertrag einzuhalten, sollten Konsequenzen spürbar werden. "Die Gespräche über die Inhalte und die Lösungen sind wichtig fürs Größerwerden", so Karle.

Über aller Medienerziehung stehe aber die Frage: "Wie nah bin ich meinem Kind?" Nach wie vor sind die Zeiten wichtig, in denen gemeinsam Schönes unternommen wird und man sich offen und aufrichtig unterhält", betont Michael Karle. So könne man vorbeugen, dass sich Kinder in eine Scheinwelt zurückziehen und ihre Erfolgserlebnisse im nächsten erreichten Level des Onlinespiels finden.

"Es geht darum, Kinder schon früh konfliktfähig zu machen, sie mit ihren Problemen nicht alleine zu lassen. Spaß und Herausforderung sollten in erster Linie im realen Leben stattfinden", betont der Leiter der Psychologischen Beratungsstelle. Deren Türen stünden immer offen: "Die Sorge, dass ein Kind süchtig sein könnte, reicht. Wir geben gerne Rückenstärkung. Kinder sind letztlich auch bei den modernen Medien dankbar für Erziehung. Auch wenn es nicht immer so scheint", ermutigt Michael Karle.

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