Lockerung des Besuchsverbots
Ein Wiedersehen nach neun Wochen

Nach vielen Wochen sehen sich auch Frieda Huber (rechts), Bewohnerin des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses in Offenburg und ihre Tochter unter Hygieneauflagen wieder.
  • Nach vielen Wochen sehen sich auch Frieda Huber (rechts), Bewohnerin des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses in Offenburg und ihre Tochter unter Hygieneauflagen wieder.
  • Foto: Paul-Gerhardt-Werk
  • hochgeladen von Christina Großheim

Ortenau (gro). "Diese Woche habe ich meine Frau nach neun Wochen zum ersten Mal wiedergesehen", sagt Manfred Wahl. Seit eineinhalb Jahren lebt sie wegen einer Demenzerkrankung im Paul-Gerhard-Haus in Offenburg. Bis zum Besuchsverbot aufgrund des Corona-Virus besuchten Manfred Wahl und seine Tochter drei Mal täglich die Ehefrau und Mutter. "Wir waren beim Mittag- und Abendessen vor Ort und ich hatte am Abend noch eine gemeinsame stille Stunde mit meiner Frau", erzählt der ehemalige Pfarrer. Von einem Tag auf den anderen war alles anders. "In dieser Zeit habe ich sie täglich angerufen, meine Frau ist trotz ihrer Krankheit noch kommunikationsfähig", so Wahl. Immer dann, wenn es sprachlich schwierig geworden sei, hätten die Pflegekräfte unterstützend eingegriffen. "Sie haben mir jede ihrer Regungen und Reaktionen während des Telefonats beschrieben", ist Wahl dankbar. "Sie haben auch stets dafür gesorgt, dass wir überhaupt miteinander sprechen konnten. Und das in einer Zeit, in der sie sowieso viel mehr als bisher zu tun haben", zollt er den Bemühungen Achtung.
Der erste Besuch nach so langer Zeit war etwas Besonderes. "Wir haben uns im Garten getroffen", erzählt Manfred Wahl. "Natürlich haben wir den gebotenen Abstand eingehalten und auch einen Mund-Nasen-Schutz getragen."

Die Regeln müssen eingehalten werden

Denn die Besuche, die nun wieder möglich sind, sind in den Einrichtungen des Paul-Gerhardt-Werks wie auch in allen anderen mit Auflagen verbunden. "Die Besucher müssen sich vorab telefonisch anmelden", schildert Eberhard Roth, Geschäftsführer des Paul-Gerhardt-Werks, das Prozedere für die drei Einrichtungen in Offenburg. "Wir haben uns in allen Einrichtungen für einen separaten Besuchsraum entschieden, der ohne das Betreten der Wohnbereiche erreicht werden kann. Nach wie vor haben wir das Ziel, unsere Bewohner und Mitarbeitenden vor einer Infektion zu schützen. Die Dauer und die Anzahl der möglichen Besuche am Tag variieren pro Einrichtung und orientieren sich an der organisatorischen Machbarkeit. Es muss immer die Vor- und Nachbereitung des Raumes mit entsprechender Desinfektion, die Information und Aufklärung inklusive Dokumentation und Erfassung des Gesundheitszustands sowie persönlicher Daten zur Nachvollziehbarkeit der Kontaktketten mit eingeplant werden." Die Besuchsmöglichkeiten dürfen von den nahen An- und Zugehörigen genutzt werden.

"Bei allem Verständnis für die aktuelle Situation haben die Bewohner unserer vier Pflegeheime dennoch die sozialen Kontakte zu ihren Angehörigen und Freunden vermisst", stellt Vorstand Mirko Poetzsch, Caritasverband Lahr, fest. "Wir haben frühzeitig angefangen, unseren Bewohnern Videotelefonie zu ermöglichen, um die weggefallenen sozialen Kontakte soweit als möglich zu kompensieren."

Kontakt per Videotelefonie 

Ein Angebot, das auch die Winkelwaldgruppe in ihren Häusern in Bad Peterstal, Hausach, Hofweier, Nordrach, Ortenberg, Offenburg und Willstätt, gemacht habe und das gut genutzt worden sei. "Unsere Mitarbeiter aus der Betreuung achteten genau auf die Stimmung und kümmerten sich verstärkt um diejenigen, denen es mehr zu schaffen machte", erklärt Birgit Addou, Öffentlichkeitsarbeit der Winkelwaldgruppe.

Die Freude der Bewohner darüber, wieder Besuch zu bekommen, ist in allen Einrichtungen groß. "Sie vermissen allerdings die Umarmungen ihrer Familie noch, denn körperlicher Kontakt ist nach wie vor nicht gestattet", schildert Birgit Addou. In den Häusern der Winkelwaldgruppe gibt es unterschiedliche Besuchsangebote: "Jeder Bewohner darf zwei bis drei Personen benennen, die nun zu Besuch kommen dürfen – darunter können selbstverständlich auch Bekannte und Nachbarn sein. Die Personen dürfen allerdings nicht zur gleichen Zeit kommen."

Eine Scheibe dazwischen

Getroffen werden kann sich mit und ohne Plexiglaswand zwischen Bewohnern und Angehörigen. "Der Vorteil der Plexiwand in den meisten Häusern ist, dass keine Seite eine Maske tragen muss. Gerade für Hörgeschädigte ist das definitiv die bessere Möglichkeit", findet Birgit Addou. Natürlich ist der Verwaltungsaufwand durch die Pflicht der Dokumentation erheblich gestiegen, die Dauer des Besuchs wird flexibel gestaltet, je nach Länge des Anfahrtswegs. "Eine Anmeldung am Vortag ist auf jeden Fall erforderlich, um Wartezeiten zu vermeiden", so Birgit Addou.

"Wir versuchen rund zehn Besuche am Tag unterzubringen", erläutert Mirko Poetzsch. Da die Anfrage nach Besuchsterminen sehr hoch war und ist, ist die Dauer auf 30 Minuten beschränkt, damit möglichst viele Besucher davon profitieren. "Eine Voranmeldung ist erforderlich, um die Schutz- und Hygienevorkehrungen sowie einen geordneten Ablauf sicherstellen zu können. Alle Besucher müssen verpflichtend einen medizinischen Mund-Nasen-Schutz tragen. Wichtig ist auch die Händedesinfektion und das Einhalten des Abstandsgebotes."

Die Bewohner nehmen diese Lockerungen sehr positiv auf. "Als Betreiber der Pflegeheime sehen wir die Lockerung allerdings kritisch", gibt Poetzsch zu und ergänzt: "Nichtsdestotrotz müssen wir uns arrangieren und für unsere Bewohner die notwendigen sozialen Kontakte ermöglichen. Und das wollen wir auch. Daher ist es wichtig, dass das Verständnis für die Abläufe da ist und wir die Schutz- und Hygienemaßnahmen umsetzen können."

Der Wunsch nach Kontakten ist groß

Über mangelnde Nachfrage können sich auch die Verantwortlichen im Paul-Gerhardt-Werk nicht beklagen. "Die Telefone sind heiß gelaufen", sagt Eberhard Roth, "da jeder endlich wieder seinen Angehörigen gegenüber sitzen wollte. Natürlich konnte nicht allen Wünschen entsprochen werden, wir arbeiten jedoch daran, alle – so gut es geht – zufrieden zu stellen. Es sind aber auch weiterhin Balkon- und Fensterverabredungen ohne vorherige Terminvereinbarung möglich."

Auch externe Dienstleister wie Friseure und Physiotherapeuten sind nun wieder in den Häusern zugelassen: Das Paul-Gerhardt-Werk arbeitet noch am Konzept, wie deren Besuche regelmäßig in den Einrichtungen möglich sind. In den Häusern der Winkelwaldgruppe dürfen Friseure wieder tätig werden, die Organisation erfolgr über die Terminvergabe. Besuche der medizinischen Berufe erfolgen in Abstimmung mit der Hausleitung.

Autor:

Christina Großheim aus Offenburg

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