WRO-Delegation in Tallinn
So gut funktioniert Digitalisierung in Estland

Gruppenbild der Delegation mit Botschafter Christoph Eichhorn vor dessen Residenz in Tallinn
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Ortenau/Tallinn (st). Digitalisierung hautnah erleben – dafür ist eine Delegation der Wirtschaftsregion Ortenau (WRO) auf Einladung des WRO-Wirtschaftsbeirats nach Tallinn gereist. Über 20 Unternehmer und Gesellschafter haben sich der Informationsfahrt nach Estland angeschlossen. Estland ist Vorreiter in der Digitalisierung von Unternehmen und öffentlichen Leistungen, heißt es in einer Pressemitteilung der WRO.

Digitalisierung und E-Government

Über mehrere Tage hinweg informierten sich die Teilnehmer zu den Themen Digitalisierung und E-Government. Auf dem Programm standen unter anderem Gespräche mit dem Deutschen Botschafter, ein Austausch mit dem estnischen Wirtschaftsministerium, mit Start-ups aus der digitalen Welt, eine Diskussion mit dem in Europa führenden Forscher für E-Government, Prof. Robert Krimmer und ein Besuch des Innovationszentrums der Technischen Universität Tallinn.

Für Delegationsleiter Helmut Hilzinger, Vorsitzender des Wirtschaftsbeirates, war die Reise ein voller Erfolg. „Die Einblicke in die digitale Welt von morgen sind in Estland heute schon spürbar und erfahrbar. Es ist erstaunlich, welchen Vorsprung sich Estland auf diesem Feld erarbeitet hat. Der vergleichsweise einfache Staatsaufbau in Estland ist hier sicher von Vorteil. Wir konnten bei dieser Reise einige Ideen mitnehmen, die in Deutschland, insbesondere in den Verwaltungen, praktikabel umsetzbar wären“, so Hilzinger.

Deutschland um 20 Jahre hinterher

„Im Bereich der Digitalisierung hinkt Deutschland um 20 Jahre hinterher“, gibt Christoph Eichhorn, Deutscher Botschafter in Estland, bei dem Treffen in seiner Residenz in Tallinn zu bedenken. Herzstück der estnischen Digitalisierung ist die ID-Karte, ähnlich dem Personalausweis, die den Zugang zur digitalen Welt gewährleistet. Mit dieser Karte können sich die estnischen Bürger ausweisen, rechtsgültig digital unterschreiben und auf zahlreiche Dienstleistungen zugreifen, die den Alltag erleichtern.

Die öffentliche Verwaltung in Estland wurde laut WRO durch diese Karte revolutioniert. Behördengänge können komplett digital erledigt werden. Staatliche Institutionen werden durch die E-Government-Angebote zum praktikablen Dienstleister. Zahlreiche Beispiele, wie die digitale Welt den Alltag beeinflusst, wurden den Delegationsteilnehmern vorgestellt. Die Steuererklärung dauert beispielsweise für 98 Prozent der Esten nur noch zwei Minuten. Die für die Erklärung erforderlichen Daten werden automatisch abgerufen, der einzelne Bürger muss diese nur noch überprüfen und kann diese mit einem Klick bestätigen.

Dieses Beispiel ist auf verschiedene Anwendungsfälle übertragbar: Führerscheine werden online über die Kennzeichen abgerufen, KFZ-Zulassungen online erledigt. Eine Unternehmensgründung kann in nur zwanzig Minuten online erfolgen. Und auch in ein Wahllokal gehen zahlreiche Esten nicht mehr – sie wählen online per E-Voting.

Doch warum kann Deutschland in Sachen Digitalisierung nicht mit Estland mithalten? „Die Esten sind sehr viel pragmatischer als die Deutschen“, erläuterte Professor Robert Krimmer von der TU Tallinn. Während man in Deutschland für alle Problemstellungen versuche, ein Gesamtkonzept zu erarbeiten, werden in Estland Herausforderungen schneller angegangen. Das estnische Vorbild sei jedoch auch nicht kopierbar. „Der deutsche Föderalismus bremst den Fortschritt Deutschlands in der Digitalisierung“, so Krimmer. Die in der Bundesrepublik angebotenen digitalen Dienstleistungen seien zu wenige und dazu auch nicht ausgereift. Das müsse sich ändern. „Der Zug der Digitalisierung rollt. Es ist keine Frage, ob wir dabei sein möchten, sondern wie wir dabei sein können“, appelliert der Professor aus Tallinn.

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