Verhaltensauffällig
Wolf beschäftigt Menschen und Behörden weiter
- Ein Wolf in freier Natur
- Foto: Dietmar Nill
- hochgeladen von Matthias Kerber
Seebach (st) Der verhaltensauffällige Wolf auf der Hornisgrinde beschäftigt die Menschen in der Region und die zuständigen Behörden weiter. „Unser Rangerteam ist nach wie vor verstärkt in diesem Bereich unterwegs – und wir haben in den vergangenen Wochen immer wieder von Sichtungen gehört, auch außerhalb der Paarungszeit“, berichtet Urs Reif, Abteilungsleiter Flächenmanagement im Nationalpark. Seit mehr als drei Jahren kommt der Wolfsrüde Spaziergängern und besonders denen mit Hunden zum Teil zu nahe, folgt ihnen oft im Abstand von unter 30 Metern. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, das Tier zu besendern und zu vertreiben, hatte das Umweltministerium Anfang des Jahres einen Abschussgenehmigung erteilt – was vor allem in der Nationalparkregion für sehr emotionale Reaktionen gesorgt hatte. Lokale Gruppen hielten Mahnwachen ab und liefen abends durch den Wald, um den Wolf zu schützen, während zwei Gerichtsinstanzen die Genehmigungen bestätigten. Mitte März, mit Ende der Paarungszeit, setzte das Ministerium die Genehmigung aus.
„Das Thema ist damit allerdings nicht erledigt“, betont Nationalparkleiter Berthold Reichle. Und stellt gleichzeitig klar: „Wir als Nationalpark haben natürlich das allergrößte Interesse daran, grundsätzlich jedes wild lebende Tier zu schützen. Und der Wolf spielt eine Schlüsselrolle im Ökosystem. Die Grenze ist allerdings dann erreicht, wenn es zu potenziell gefährlichen Situationen kommt.“ Fakt ist: Der Hornisgrindewolf, von den lokalen Gruppen liebevoll „Grindi“ genannt, ist noch nie übergriffig geworden. „Wir haben uns in den vergangenen Monaten auch mit Experten in Deutschland und Europa ausgetauscht und ihre Einschätzung eingeholt – alle sind sich einig, dass das Verhalten dieses Wolfes nicht normal ist und letztlich nicht vorhersehbar ist, ob und wann sich das Verhalten ändern und es doch zu einem Übergriff kommen kann“, sagt Raffael Kratzer, Wildtiermanager im Nationalpark. Das Ob hängt dabei nicht nur vom Tier, sondern auch von dem Verhalten der Menschen ab. „Ein Wolf ist ein Wildtier – und am meisten nützt es wilden Tieren, wenn man sie auch wild sein lässt und nicht zum Haustier macht“, sagt Berthold Reichle. Jegliche Versuche, den Wolf für Fotos oder Videos aufzuspüren oder ihn im schlimmsten Fall – verbotenerweise – zu füttern, seien absolut kontraproduktiv.
Mit dem geänderten deutschen Jagdrecht ist die Zuständigkeit für den Wolf auf das Ministeriums für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat übergegangen. Gemeinsam mit der dem Ministerium nachgeordneten Forstlichen Versuch- und Forschungsanstalt mit Sitz in Freiburg, die das landesweite Monitoring zum Wolf koordiniert, steht der Nationalpark hierbei im engen Austausch. „Wir sind uns einig, dass wir nichts unversucht lassen wollen und in den kommenden Wochen schauen, ob es doch noch eine Chance gibt, dieses schon ausgewachsene Tier umzutrainieren“, berichtet Reichle. Sprich: ihm beizubringen, dass er sich von Menschen fernhalten muss – so wie es seine Artgenossen automatisch machen. „Wölfe und Menschen würden sich normalerweise gar nicht begegnen“, erklärt Kratzer. Vergrämen nennen die Experten dieses Vorhaben, das nur dann überhaupt eine Chance hat, wenn der Wolf keine widersprüchlichen Erfahrungen mehr macht. „Jeder Mensch, der sich ihm freundlich nähert, wird das Umtrainieren zunichtemachen“, sagt Urs Reif.
Aufklärungsarbeit
Der Nationalpark hat daher – wie versprochen – seine Aufklärungsarbeit in den vergangenen Wochen sehr intensiviert. Auf dem Instagram-Kanal berichtet das Rangerteam regelmäßig zur aktuellen Situation und gibt Informationen zur Geschichte dieses sagenumwobenen Tieres im Schwarzwald oder zur Biologie des Beutegreifers. Im Bereich Hornisgrinde und Herrenwies informieren Schilder die Gäste zum richtigen Verhalten bei einer Begegnung. „Und für unseren YouTube-Kanal haben wir ein längeres Video gedreht, in dem wir versuchen, die ganze Komplexität dieses Themas zu beleuchten“, sagt Reichle. Es kommt auch auf die Mithilfe der Bevölkerung an. „Wir sind auf Meldungen angewiesen, ob und wo der Wolf gesichtet wurde – sonst können wir die Situation weder realistisch einschätzen, noch die Vergrämungsversuche planen“, erklärt Kratzer. Sollten diese letzten Vergrämungsversuche – entgegen Experten-Prognosen, die bezweifeln, dass ein ausgewachsenes Tier noch umzutrainieren ist – gelingen, wird der Wolf in den Tiefen des Schwarzwaldes verschwinden. „Das wäre natürlich gerade auch für uns im Nationalpark der allerschönste Ausgang dieser Geschichte“, sagt Reichle. Reißen die Begegnungen aber nicht ab und steigen mit Beginn der Ranzzeit sogar wieder an, wird das Ministerium zu Beginn der Ranzzeit entscheiden müssen, ob das Risiko für den Menschen zu groß wird und es zu einem Abschuss kommen muss. „Dann geht es für uns auch darum, die Zukunft der Wölfe in Deutschland insgesamt zu schützen – die wird es nur geben, wenn sich Wölfe und Menschen eben nicht gefährlich nahekommen“, so Reichle.





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