Kosten für die Stadt Kehl
Schildkröten, Nilgänse, Tigermücken und diverse Pflanzen

Diese Schildkröte ist inzwischen in München, genau wie ... | Foto: Stadt Kehl
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Kehl Noch gibt es bei uns keine einzige Meldung von Asiatischen Hornissen, sagt Umweltreferentin Ann-Margret Amui-Vedel. Dafür gilt die Rheinstadt als Tigermücken-Hochburg. Hier gibt es mehr von diesen winzigen, aber aggressiven Plagegeistern als in jeder anderen der rund 100 Mitgliedskommunen der Kommunalen Arbeitsgemeinschaft zur Schnakenbekämpfung (KABS). Auch bei der Population von Rot- und Gelbwangenschildkröten dürfte Kehl einen der vorderen Plätze belegen: Im Altrhein leben etwa 120 ihrer Art und man muss längst kein Biologe mehr sein, um festzustellen, dass die Panzertiere sich munter vermehren. Nilgänse haben mit dem Endprodukt ihrer Verdauung in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass die Badestelle Goldscheuer gesperrt werden musste. In allen Fällen handelt es sich um invasive Arten, die in unseren Breiten keine natürlichen Feinde haben, einheimische Arten verdrängen und die Stadt eine Menge Geld kosten. „Damit werden die Kommunen bislang allein gelassen“, sagt Oberbürgermeister Wolfram Britz.

Neben Schildkröten, Tigermücken, Nil- (oder auch Kanada-) Gänsen sind da noch die Ameisen (mindestens in Marlen) plus die invasiven Pflanzen oder Neophyten: die stark allergieauslösende Ambrosia etwa, der Riesenbärenklau (Herkulesstaude), der verbrennungsähnliche Wunden verursacht, das japanische Springkraut, der ebenfalls japanische Staudenknöterich, die kanadische Goldrute, die Lupine und das Jakobskreuzkraut. Mitarbeitende aus den Bereichen Betriebshof und Tiefbau bemühen sich bereits seit Jahren, die Ausbreitung dieser Pflanzen einzudämmen, in engem Kontakt mit dem Landschaftserhaltungsverband. Beim Riesenbärenklau, dem japanischen Springkraut, das gerne entlang von Wasserläufen wächst und bei der Gewässerrandpflege abgeschlegelt wird, zeigen die Bekämpfungsmaßnahmen erste Erfolge: Bei der Herkulesstaude sind dem stellvertretenden Leiter des Betriebshofs, Frank Wagner, aktuell keine Funde bekannt und auch Ambrosia-Pflanzen sind bei zweimaliger Kontrolle in diesem Jahr noch nicht entdeckt worden. Fasst man die Kosten für Sichtungsfahrten, Aufwand für Personal und Fahrzeuge, Schutzanzüge, fachgerechte Entnahme und Entsorgung zusammen, kommen pro Jahr etwa 10 000 Euro zusammen.

Tigermücke

Die Bekämpfung der Tigermücke kostet bereits den zehnfachen Betrag. Um die Ausbreitung der tagaktiven Mücke einzuhegen, die das Dengue-, das Zika- oder das Chikungunya-Fieber übertragen kann, wird jedoch nach aller Voraussicht die Zahl der Bekämpfungszyklen in den nächsten Jahren von sieben auf zehn bis zwölf erhöht werden müssen. Denn bei den derzeit laufenden Maßnahmen zeige sich, sagt Ann-Margret Amui-Vedel, „dass sich das Gebiet im Vergleich zu 2022 vergrößert hat“. Das ist keine Überraschung, bedeutet dann aber jährliche Kosten von knapp 200.000 Euro für die Stadt. Auf seine schriftliche Bitte um finanzielle Unterstützung, erhielt Oberbürgermeister Wolfram Britz im Frühjahr aus dem Gesundheitsministerium des Landes eine ausweichende Antwort und kein Geld.

Schildkröten

Vor wenigen Tagen musste die Umweltreferentin zwei Schildkröten in gepolsterte und isolierte Kisten verpacken und mit einem auf Lebendtransporte spezialisierten Unternehmen auf die Reise nach München schicken, wo sie in der Tierauffangstation ein neues Zuhause finden. Die große und die kleine Schildkröte sind vermutlich am Altrhein entwischt und als Fundtiere aufgegriffen worden. Als solche dürfen invasive Arten jedoch nicht mehr in die freie Natur entlassen werden. Den Transport der Tiere bezahlt zwar das Freiburger Regierungspräsidium, die Tierauffangstation verlangt für ihre Unterbringung für die ersten sechs Monate jedoch 13,40 Euro pro Tag und Tier – macht für die beiden possierlichen Exemplare rund 5.000 Euro. Diese Rechnung begleicht die Stadt.
Im August 2020 wurden im Altrhein, wissenschaftlich begleitet, 40 der rund 120 Schildkröten abgefangen und nach München gebracht. Innerhalb von drei Jahren hat sich die Population erneut auf etwa 120 Tiere vergrößert, berichtet die städtische Umweltreferentin. Um den Altrhein vor weiterer Eutrophierung zu schützen, wäre es vernünftig, erneut Schildkröten abzufangen. Doch dem Bereich Umwelt ist kein Ort bekannt, an dem sie aufgenommen werden: In München werden nur noch Fundtiere angenommen. Bleiben die Schildkröten im Altrhein und vermehren sich ähnlich schnell wie in den vergangenen acht Jahren, dann wird der Bestand in zehn Jahren auf mehr als 1.000 Tiere angewachsen sein. Die Menge ihrer Ausscheidungen dürfte spätestens dann für den Stadtweiher zum Problem werden. Und damit nicht genug: Auch im Steinlöchel sind inzwischen Schildkröten entdeckt worden. Dass diese den langen Weg vom Altrhein auf sich genommen haben, hält Ann-Margret Amui-Vedel für unwahrscheinlich: „Die sind ausgesetzt worden“, ist sie sich sicher. So wie die Schildkröten, mit denen die Population im Altrhein einst ihren Anfang genommen hat. Eine Lösung für das Schildkrötenproblem gibt es noch nicht.

Ameisen

„Bei den Ameisen stehen wir ganz am Anfang“, sagt die Umweltreferentin. Sicher ist inzwischen: Bei den Ameisen, die in Marlen im Bereich des Erikawegs und der Edelweißstraße die Anwohner plagen, in Mauern, Gehwege und einen Verteilerkasten der Telekom eindringen und für Empfangsstörungen sorgen, handelt es sich um eine invasive Art. Auch in der Schweiz, in Belgien, den Niederlanden und in Frankreich, weiß Ann-Margret Amui-Vedel, bereiten die schwarzen Krabbler bereits Verdruss. Sie bevorzugen neben Mauern, Pflaster und Wänden kurz geschnittenes Gras als Lebensraum. „Langes Gras und Blumenwiesen mögen sie nicht“, rät Ann-Margret Amui-Vedel die Gartengestaltung zu überdenken. Zwar geht von den invasiven Ameisen keine Gesundheitsgefahr aus, aber sie verdrängen die einheimischen Arten. „Dank der Erfahrungen anderer betroffenen Städte wissen wir nur, was wir nicht machen können“, sagt die Umweltreferentin und das ist die Bekämpfung mit Insektiziden. Diese Mittel würden nämlich vor allem die heimischen Ameisen töten, während die invasiven sich erholen und sich ohne die heimische Konkurrenz nur noch stärker ausbreiten würden.

Nil- oder Kanadagänse

Klein, gelb und flauschig sind die Küken der zugewanderten Nil- oder Kanadagans niedlich anzusehen. Im Erwachsenenalter jedoch frisst jede Gans fast ohne Unterlass und scheidet pro Tag rund 1,4 Kilogramm Kot aus – in bis zu 150 Portionen. Und so waren auch die Ausscheidungen der Gänse dafür verantwortlich, dass für die Badestelle in Goldscheuer 2017 ein Badeverbot verhängt werden musste. 2020 und 2021 verschmutzten die Gänse die Wege und Grasflächen im Garten der zwei Ufer so, dass Spaziergängerinnen und -gänger sich bei der Stadt über die zahllosen Kothäufchen beschwerten, die sie für Hinterlassenschaften von Hunden hielten. Seither lässt der Betriebshof am Rheinufer das Gras lang wachsen und stehen, denn die Gänse scheuen davor zurück, mit ihren Jungen Bereiche zu durchqueren oder zu überfliegen, die sie nicht überblicken können.
Auch an der Badestelle Goldscheuer werden solche Mittel der Vergrämung angewandt. Zusätzlich wird in jedem Frühjahr der Sand ausgetauscht und ein Minijobber sammelt während der Badesaison täglich Gänsekot ein, damit dieser nicht ins Wasser gespült wird. Betriebshofleiter Peter Grün beziffert die jährlichen Kosten allein für die Maßnahmen an der Badestelle Goldscheuer auf 6500 bis 7500 Euro.

Appell und Bußgelder

Weil die invasiven Tier- und Pflanzenarten auch in anderen Städten Einzug gehalten haben, will Oberbürgermeister Wolfram Britz die Probleme beim Städtetag zum Thema machen. Der Stadt bleibt derweil nur der dringende Appell an Einwohnerinnen und Einwohner, keine Wasservögel oder andere wildlebende Tiere zu füttern und ungeliebte Haustiere nicht in die Natur zu entlassen. Wer übrigens beim Füttern von Enten, Schwänen oder Gänsen erwischt wird, zahlt 35 Euro. Das Bußgeld fürs Freilassen von invasiven Schildkröten beträgt bis zu 10.000 Euro.

Diese Schildkröte ist inzwischen in München, genau wie ... | Foto: Stadt Kehl
... dieses kleine Schildkrötenexemplar. | Foto: Stadt Kehl

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