„Ohne Walter Scheel gäbe es das Familienunternehmen nicht“
Warum der Bundespräsident für Metzger Böhringer bürgte

Seit über 40 Jahren betreibt Wolfgang Böhringer inzwischen seine Metzgerei.  | Foto: rek
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Offenburg. Walter Scheel, am 24. August verstorbener ehemaliger Bundespräsident, bürgte mit seinem Privatvermögen für das Bank-Darlehen von 150000 Mark zur
Existenzgründung des Offenburger Metzgermeisters Wolfgang Böhringer.
Was so unglaublich klingt, wäre damals auch für ihn unvorstellbar gewesen,
erzählt der 67-jährige Wolfgang Böhringer und setzt zur ganzen Geschichte an. 

Der damals 23-Jährige Fleischermeister leitete einen Lebensmittelmarkt in Trossingen und bewarb sich 1975 um die Ausrichtung eines Büfetts für 500 Gäste an der Bundesakademie für Musik
in Trossingen. Neben einem Gastronomen aus Königsfeld erhielt Böhringer
den Zuschlag. „Ich nahm drei Tage Urlaub und erstellte das Büfett von
der Vorspeise bis zum Dessert alleine“, erinnert sich Böhringer. Der
seit einem Jahr amtierende Bundespräsident Scheel habe dann im Rahmen
der Veranstaltung an der Bundesakademie an seinem Büfett gestanden und
wissen wollen, wer es gemacht habe. „Das Büfett war ein voller Erfolg“,
freut sich Böhringer noch heute. Er stellte sich dem Bundespräsidenten
vor. „Solche Leute wie Sie braucht Deutschland“, habe Scheel ihn gelobt.

„Ich sagte ihm, dass wir zu Hause fünf Kinder sind und kein Geld da ist,
damit ich mich selbständig machen kann“, so der damals bereits
verheiratete Böhringer. „Scheel forderte mich auf, zu meiner Hausbank zu
gehen und über die Landeszentralbank einen Kredit über 150000 Mark zu
beantragen. Er würde für mich bürgen.“ Der gebürtige Lahrer ging zur
Volksbank Offenburg – und wurde belächelt. Er beharrte darauf, den
Kreditantrag zu stellen mit dem Vermerk „Bundespräsident Walter Scheel,
Büfett Bundesakademie“. Die Bank sollte dies mit dem Bundespräsidialamt direkt abklären.

„Eigentlich glaubte ich selber nicht daran“, so Böhringer heute. Zu seiner Überraschung: Nach ungefähr vier oder fünf Wochen sei der Kredit von der Landeszentralbank bewilligt gewesen.
„Jetzt wollte ich dem Bundespräsidenten auch zeigen, wie ernst mir die
Sache war“, erzählt Böhringer. Er mietete das Ladengeschäft in der
Zeller Straße am Schillerplatz. Mit dem Geld richtete er im Hinterhof
seine komplette Metzgerei und vorne den Verkaufsraum ein.

„Jedes Jahr habe ich Herrn Scheel meine kompletten Bilanzen zugeschickt, um zu
zeigen, dass ich erfolgreich bin“, berichtet Böhringer. Dies tat er auch
noch, obwohl nach wenigen Jahren der Privatmann Scheel aus der
Bürgschaft entlassen wurde und Böhringer die Abzahlung allein
bewerkstelligen konnte.

Noch einmal Ende der 1970er-Jahre arrangierte Böhringer bei einer kleinen Feier für Scheel ein Büfett. „Ohne Herrn Scheel gäbe es die Fachmetzgerei Böhringer in Offenburg
nicht“, ist sich der Firmenchef sicher. Der Familienbetrieb feierte im
vergangenen Jahr 40-Jähriges und beschäftigt 25 Mitarbeiter hat am
heutigen Standort in Elgersweier.

Autor: Rembert Graf Kerssenbrock

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