18. April 2017, 22:20 Uhr | 0 | 14 Leser

Fußnote
Ja, ich bin ein Cookoholic

Die einen spielen zur Entspannung Tennis, die anderen sammeln Briefmarken, ich koche. Meine allerliebste Beschäftigung ist es, frische Lebensmittel einzukaufen und anschließend in der Küche zu schnippeln und zu brutzeln, während ich mit Adele oder Ed Sheeran im Duett singe.
Der Mann, der mit mir Tisch und Bett, aber nicht meine Liebe zu lauten, laienhaften Lieddarbietungen teilt, steht Letzterem eher kritisch gegenüber. Da er allerdings gerne isst, toleriert er den vorausgehenden akustischen Gruß aus der Küche. Vielleicht ist er auch einfach zu klug, um den Gesang einer Frau zu kritisieren, die gerade mit einem scharfen Küchenmesser hantiert. Wie dem auch sei, Anlässe wie Ostern sind für mich als Hobbyköchin jedenfalls immer ein doppeltes Fest. Denn dann darf ich mich einmal mehr so richtig in der Küche austoben. Das Ganze könnte so herrlich sein, hätten manche Gäste bloß nicht immer solche Skrupel.
"Mach dir wegen mir bloß nicht so viel Arbeit", mahnt meine Schwiegermutter immer schon im Vorfeld. Das mag jetzt brutal klingen. Aber um der Wahrheit die Ehre zu geben: So sehr ich meine Schwiegermutter mag, wegen ihr mache ich mir die Arbeit gar nicht. Der einzige Grund, stundenlang in der Küche zu stehen, ist bodenloser Egoismus – die unbändige Lust am Parieren, Marinieren, Tranchieren, Kreieren und natürlich am Probieren. Ja, ich bin ein Cookoholic. Unter fünf Gänge geht gar nichts. Und Gäste, die so unverschämt sind, ohne Absprache einen Salat mitzubringen, bekommen lebenslanges Hausverbot. Blumen, Wein, selbstgemachtes Tabasco – das alles sind willkommene Gastgeschenke. Aber wer etwas kochen will, soll sich gefälligst selbst Gäste einladen. Der Hunger der meinen gehört ganz alleine mir.
Besonders nervig finde ich Besucher, die pausenlos erklären, was sie für ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie nichts helfen dürfen. Ich bin dann immer versucht, sie zum Rasenmähen in den Garten zu schicken. Warum fällt es manchen Menschen bloß so schwer, einfach entspannt ihren Aperitif zu schlürfen oder nach dem Essen sitzen zu bleiben? Meine Küche ist sehr klein. Wenn zehn hilfsbereite Seelen anfangen, den Tisch abzuräumen, um dann in der Küche jede freie Fläche mit benutztem Geschirr voll zu stellen, erfüllt mich das nicht mit Dankbarkeit, sondern mit Verzweiflung.
Die einen spielen zur Entspannung Tennis, die anderen sammeln Briefmarken, ich bekoche gerne Familie sowie Freunde und das nicht nur zu Ostern. Mein Beichtvater meint, es gibt schlimmere Laster. Anne-Marie Glaser