Interview mit Anika Klaffke, Generalsekretärin Eurodistrikt
Europa wird für die Menschen durch konkrete Projekte greifbar

Generalsekretärin Anika Klaffke
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2003 haben der französische Präsident Jacques Chirac und der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder zum 40. Jahrestag des Élysée-Vertrags die Grundlagen für den Eurodistrikt Strasbourg-Ortenau geschaffen. Zwei Jahre später wurden er gegründet. Rembert Graf Kerssenbrock sprach mit Anika Klaffke, seit 2015 Generalsekretärin des Eurodistrikts.

Was würde der Ortenau und dem Elsass heute fehlen?
Sicherlich der grenzüberschreitende Blick auf das große Ganze. Der Eurodistrikt öffnet und erleichtert diesen Blick über die Grenze, um grenzüberschreitend Akteure zusammen zu bringen - auch solche, die vorher nicht zusammengearbeitet haben. Wir sind dabei gleichzeitig Vermittler, Plattform für einen strukturierten grenzüberschreitenden Austausch und kompetenter Fachansprechpartner für grenzüberschreitende Themen. Darüber hinaus sind wir der richtige politische Ansprechpartner, der sich dafür einsetzt, bestehende Hindernisse abzubauen, die die Menschen in ihrem Alltag im Grenzgebiet zu spüren bekommen. 

Was waren die Meilensteine für die Entwicklung des Eurodistrikts?
Wir haben viele gute eigene Pilotprojekte realisiert, die zum Teil über unser Gebiet hinausstrahlen. Ich denke da etwa an die grenzüberschreitende Berufsausbildung mit dem Eurodistrikt als Vorreiter. Oder an unsere Kampagne „Coffee to go nochemol“, bei der wir erstmals grenzüberschreitend Hygienestandards schaffen konnten. Oder erst vor Kurzem an die Einführung des ersten deutsch-französischen Klimasparbuchs. Ein weiterer wichtiger Meilenstein ist natürlich unser Eurodistrikt-Bus für Arbeitnehmer zwischen Erstein und Lahr, den wir ab Herbst 2020 in eine öffentliche Linie umwandeln wollen. Und hinzu kommen außerdem zahlreiche kleine Kooperationsprojekte, die den Eurodistrikt mit Leben füllen: Zum Beispiel wurden seit den Anfangsjahren allein an die 300 grenzüberschreitende Schüleraustausche über unseren Schulfonds ermöglicht, Tendenz immer noch steigend. Rund 250 Begegnungsprojekte der Zivilgesellschaft wurden finanziell von uns unterstützt und mehrere hundert Menschen haben an unseren grenzüberschreitenden Bürgerkonventen teilgenommen, die wir als Vorreiter in diesem Gebiet bereits seit 2013 organisieren.

Wie kann man im grenzüberschreitenden Leben heute am besten die Existenz des Eurodistrikts erleben?
Ich finde der grenzüberschreitende Eurodistrikt-Charakter ist heute eigentlich in fast allen Lebens- und Themenbereichen zu spüren. Schauen Sie sich nur mal die zahlreichen Kulturevents, Sportwettkämpfe, Jugendbegegnungen und Integrationsprojekte an, die mit Unterstützung des Eurodistrikts stattfinden, die Menschen zusammenführen und neue Partnerschaften, Bekanntschaften und Freundschaften hervorbringen. Auch über unsere grenzüberschreitenden Bürgerkonvente, Fachforen und Projektbörsen treten regelmäßig Bürger, Politiker, Experten und Vereine über den Rhein hinweg in den direkten Austausch miteinander. Oder nehmen Sie unser Rad-und-Genuss-Tour, bei der im September 7.000 Deutsche und Franzosen gemeinsam durch unser Gebiet geradelt sind – allein das ist grenzüberschreitendes Erleben pur. Sie sehen, die Beispiele sind vielfältig und zeigen, dass der Eurodistrikt ein wichtiger Begleiter für grenzüberschreitende Begegnungen geworden ist.

Ist ein Ergebnis des Bürgerkonvents im Jahr 2018, dass sich die Jugend stark für den Eurodistrikt interessiert?
Es ist zunächst ein Beleg dafür, dass es uns sehr am Herzen liegt, dass die Jugend den Eurodistrikt von Morgen mit ihren Wünschen, Visionen und auch mit ihrer Kritik mitgestaltet. Und ja, es zeigt auch, dass sich die Jugend bei richtiger Ansprache sehr für den grenzüberschreitenden Alltag und das "Europa im Kleinen" hier bei uns interessiert. Ich sehe das als eine Art Kreislauf: Je mehr wir den Kontakt zu den jungen Menschen suchen und sie einbeziehen, desto stärker können sie sich mit unserem gemeinsamen Gebiet identifizieren und desto größer ist ihr Interesse, sich in die Arbeit des Eurodistrikts einzubringen. Darum ist der Bereich "Jugend" auch seit jeher ein wichtiger Fokus unserer Arbeit. Dieser Tage fand die vierte Ausgabe unserer grenzüberschreitenden Jugendprojektbörse statt, wie immer gut besucht mit über 60 Jugendakteueren.

Das Thema Klinikstruktur wird derzeit in der Ortenau stark diskutiert. Kann der Eurodistrikt hier unterstützend wirken, etwa in dem die Straßburger Klinik auch für die Gesundheitsversorgung ein Standbein für die Region sein kann?
Nun ja, es wird nicht nur in der Ortenau stark diskutiert. Die deutsche Presse hat ja auch schon vom „Krieg der Kliniken“ auf Straßburger Seite berichtet. Unsere Rolle als Eurodistrikt ist auch, zu fühlen, wann der passende Zeitpunkt für eine grenzüberschreitende Kooperation ist. Im Bereich Gesundheit liegt der Hase für uns eher bei der Frage der Kostenrückerstattung im Pfeffer. Hier setzen wir in einem ersten Schritt auf die Informationsvermittlung an die Bürger. Aktuell arbeiten wir etwa mit dem trinationalen Kompetenzzentrum für Gesundheitsprojekte TRISAN an der Erstellung einer Übersichtskarte, wie und wo Ärzte im Eurodistrikt auch grenzüberschreitend konsultiert werden können. Sie kann demnächst gemeinsam mit einem Leitfaden zur Rückerstattung der Kosten auf unserer Webseite abgerufen werden. Zu diesem Thema sind wir auch mit den Kassen im Gespräch, um langfristig eine Vereinfachung zu erreichen. Auch hier lautet unser Credo informieren, übersetzen, erklären.

Beim Thema Umwelt waren Sie jüngst sehr aktiv: Mehrwegbecher und Klimabuch: Gibt es da links- und rechtsrheinisch ähnliche Vorstellungen zum Umweltschutz?
Im Prinzip ziehen hier alle Akteure an einem Strang, ja. Auf beiden Rheinseiten gibt es vielfältige Umweltkonzepte und das Bestreben ist groß, gemeinsam grenzüberschreitend zu handeln, zumal Themen wie Klimaschutz oder Abfallvermeidung ja per se grenzüberschreitender Natur sind. Natürlich basiert das ähnliche Bestreben auf teils unterschiedlichen Maßnahmen, Rechtsgrundlagen und Regelungen, was im grenzüberschreitenden Alltag auch zum Unverständnis der Bürger führen kann – die Umweltplakette ist so ein Beispiel. Als Eurodistrikt versuchen wir hier zu harmonisieren und die zuständigen Akteure an einen Tisch zu bringen. Aktuell setzen wir uns beispielsweise im Rahmen von dem europäischen Projekt "b-solution" dafür ein, die beiden Umweltplaketten-Systeme durch wechselseitige Anerkennung zusammen zu bringen.

Was sind derzeit die wichtigen laufenden Projekte des Eurodistrikts?
Die gerade genannte grenzüberschreitende Anerkennung der Umweltplaketten im Eurodistrikt ist so ein wichtiges Projekt sowie der schon erwähnte Eurodistrikt-Bus zwischen Erstein und Lahr. Und in unserer Rolle als deutsch-französische Plattform bereiten wir für nächstes Jahr aktuell ein grenzüberschreitendes Sportforum zum Thema Behindertensport und ein Kulturforum vor, um den deutsch-französischen Austausch in beiden Bereichen voranzubringen. Außerdem steht 2020 auch wieder unser nächster Bürgerkonvent an.

Wird die Entwicklung durch den jüngst auf Staatsebene fortgeführten Aachener Vertrags einfacher für die regionale Politik und greifbarer für die Menschen?
Europa wird für die Menschen durch konkrete Projekte greifbar. Durch solche, die an ihren Bedürfnissen ausgerichtet sind und die ihren Alltag erleichtern – also durch Projekte, wie wir sie im Eurodistrikt täglich angehen. Der Aachener Vertrag hat diese grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu seinem Herzstück gemacht. Das lässt hoffen, dass durch das eingerichtete grenzüberschreitende Arbeitsgremium nun eine praxisnahe Umsetzung in Form von passgenauen Regeln für unseren Eurodistrikt folgt, die uns noch handlungsfähiger machen. Denn wir sind überzeugt, dass im Eurodistrikt als Laborregion einige der Hindernisse an der Grenze mit eigenen Kompetenzen oder Experimentierklauseln effizienter, pragmatischer und bürgernah gelöst werden können. Und ja, wenn das gelingt, kann Europa in den Grenzregionen noch greifbarer für die Menschen werden.

Ergänzen Sie bitte folgenden Satz: Im Jahr 2030 wird für den Eurodistrikt…

… alles gut (lacht)

Generalsekretärin Anika Klaffke
Das aktuellste Projekt: das deutsch-französische Klimasparbuch
Autor:

Rembert Graf Kerssenbrock aus Kehl

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