Juze Kehl weitet Öffnungszeiten aus
„Jugendliche sehnen sich nach Normalität“

Wollen den Jugendlichen ein Stück Normalität zurückgeben: Jugendarbeiter Andreas Martzloff und Vanessa Balbrink
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  • Wollen den Jugendlichen ein Stück Normalität zurückgeben: Jugendarbeiter Andreas Martzloff und Vanessa Balbrink
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Kehl (st). Derzeit ist die Arbeit von Jugendarbeiterin Vanessa Balbrink und Jugendarbeiter Andreas Martzloff im Kehler Juze an der Kinzigstraße geprägt von Widersprüchen: Offenheit, Freiwilligkeit, Partizipation und Lebensweltorientierung sind die Grundsätze, an denen sich die Offene Jugendarbeit ausrichtet. Dem gegenüber stehen Hygienebestimmungen wie Maskenpflicht und Mindestabstände, Dokumentationspflicht und regelmäßiges Händewaschen. „Das sind viele Regeln, die nicht so recht zur offenen Jugendarbeit passen“, berichtet Vanessa Balbrink. Gleichzeitig betonen die beiden: „Wir sind wahnsinnig froh, wieder öffnen zu dürfen.“

Die Jugendlichen fremdeln noch ein wenig mit den neuen Bedingungen, unter denen das Jugendzentrum an der Kinzigstraße geöffnet hat. Da ist zunächst einmal die Besuchergrenze: Maximal 20 Jugendliche dürfen derzeit das Juze betreten, zuvor waren es lediglich sieben. Mit der jüngsten Corona-Verordnung der Landesregierung entfallen jedoch die vorgeschriebenen zehn Quadratmeter pro Person. Nicht nur für die Jugendlichen, auch für das Team des Juze sind die Lockerungen eine große Erleichterung und helfen, zumindest in kleinen Stücken, wieder in Richtung Normalität und den regulären Arbeitsalltag zurück zu finden. Die Jugendarbeit spielt sich während der Corona-Ausbreitung weiterhin nahezu ausschließlich im Erdgeschoss ab, dort stehen – verteilt auf 96 Quadratmeter – ein Billardtisch, ein Tischkicker und eine Dartscheibe. Das ist die einzige Etage, die sich ausreichend durchlüften lässt.

Vor der Eingangstür wartet Vanessa Balbrink in einem grauen Sitzsack auf die jugendlichen Besucher. Dort bekommen sie mitgeteilt, wie viele „freie Plätze“ es im Juze noch gibt. „Einige wollen auch einfach nur ein bisschen quatschen; sie wollen nicht lange im Haus bleiben“, berichtet Vanessa Balbrink. An warmen Sommertagen ziehe es die Jugendlich vermehrt an die frische Luft. Daran habe sich trotz Corona nicht viel geändert. Im Sommer besuchten täglich zwischen 15 und 25 Jugendliche das Juze. Im Winter steige die Zahl auf zwischen 35 bis 60 Besucher.

Dennoch suchen Jugendliche das Juze seit der Öffnung unter Corona-Auflagen wieder auf. Dafür nehmen sie auch in Kauf, dass sie nur mit Mund-Nasen-Bedeckung ins Gebäude dürfen. „Zu 80 Prozent kommen sie, um sich mit Freunden zu treffen, zu entspannen, Billard oder Videospiele zu spielen“, erzählt die Juze-Leiterin. Entscheiden sich die Heranwachsenden für einen Juze-Besuch, erwartet sie im Flur Andreas Martzloff.

Auf einem Tisch vor ihm lag zuvor noch ein Stapel mit Formularen. Hier mussten sich die Jugendlichen eintragen – zwecks Nachverfolgung im Infektionsfall. Im Zuge der aktuellen Lockerungen ist die Dokumentationspflicht nun ebenfalls weggefallen. Dennoch heißt es weiterhin: Hände desinfizieren. Der Desinfektionsständer sticht sofort ins Auge. Er hat zwei aufgeklebte Kulleraugen und ein Horn auf der Stirn. Der gelernte Bäckermeister und handwerklich-begabte Andreas Martzloff hat ihn selbst gebastelt. „Als Jugendarbeiter ist man auch Zimmermann, Maler oder Hausmeister“, zählt er auf und lacht. Hausmeister“, zählt er auf und lacht.

Die Arbeit für Vanessa Balbrink und Andreas Martzloff hat sich durch die Corona-Auflagen merklich verändert. In den drei Monaten, in denen das Juze geschlossen hatte, suchten sie über soziale Netzwerke und Projekten wie dem „digitalen Jugendhaus“ Kontakt zu den Jugendlichen. In Videos wurden Bastelanleitungen und Kochrezepte präsentiert. Nun haben die beiden alle Hände voll zu tun, regelmäßig zu kontrollieren, ob sich die anwesenden Jugendlichen auch an Maskenpflicht und Mindestabstand halten und fordern sie gelegentlich zum Händewaschen auf.

Diskokeller noch geschlossen

Der beliebte Diskokeller im Untergeschoss muss geschlossen bleiben, weil er sich nicht Durchlüften lässt. Gleiches gilt für die Räumlichkeiten im Obergeschoss. Auch darf kein Essen von außerhalb ins Juze gebracht werden. War es früher geläufig, dass sich Jugendliche mit kleineren Knabbereien in die Couch sinken ließen, müssen diese nun beim Juze-Team abgegeben werden. Auf so viele Bestimmungen haben einige Jugendliche keine Lust und ziehen daher unverrichteter Dinge wieder von dannen. „Das geht ihnen richtig auf den Senkel“, beobachtet Andreas Martzloff. Die Jugendarbeiterin und der Jugendarbeiter können diese Reaktionen verstehen. „Unsere Arbeit lebt von Beziehungen und Kontinuität.“ Beides müsse sich nach dreimonatiger Zwangspause erst wieder finden. Was

das angeht, bleiben die beiden zuversichtlich. „Die Jugendlichen sehnen sich nach Normalität – und in kleinerem Rahmen können wir ihnen das bieten“, erläutert Vanessa Balbrink. Denn Redebedarf über das, was in den drei Monaten passiert ist, über Zwist unter Freunden, Ärger in der Schule oder Familienprobleme, gebe es weiterhin. "Auf dem Heimweg oder beim Einkaufen werde ich häufig von Jugendlichen angesprochen“, berichtet Andreas Martzloff. Deshalb sehen Vanessa Balbrink und er in der Öffnung des Jugendzentrums einen großen Schritt für die Heranwachsenden. „Wenn am Tag auch nur drei Jugendliche kommen, hat es sich schon gelohnt“, sind sie überzeugt.

Seit Mittwoch, 1. Juli, ist das Juze an der Kinzigstraße wieder zu den regulären Zeiten geöffnet: Montags bis freitags von 14 bis 20 Uhr.

Wollen den Jugendlichen ein Stück Normalität zurückgeben: Jugendarbeiter Andreas Martzloff und Vanessa Balbrink
Unter Auflagen und mit einem Hygienekonzept dürfen Jugendhäuser wie das Jugendzentrum Kehl an der Kinzigstraße wieder öffnen.
Autor:

Rembert Graf Kerssenbrock aus Kehl

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