Kommunale Kriminalprävention
Psychische Erkrankungen nehmen zu

Kriminalprävention in der Schule
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  • Foto: Stadt Kehl
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Kehl (st). Aggressivität, Unausgeglichenheit, Rücksichtslosigkeit: Damit kämpfen die Mitarbeitenden in den Bereichen Ordnungswesen in Kehl, Willstätt, Rheinau und Appenweier inzwischen Tag für Tag. Die Corona-Pandemie hat bei Bürgern jeglichen Alters Spuren hinterlassen und Verhaltensweisen verändert. Jugendliche haben den Eindruck, dass sie mehr gemaßregelt werden als Erwachsene, psychische Erkrankungen nehmen zu – vor allem bei Pubertierenden. Das ist das schemenhafte Bild, das die Mitglieder des Beratungsteams Kommunale Kriminalprävention (KKP) bei ihrem Treffen vor der Sommerpause – unter Leitung von Cornel Happe und Jannate Hammerstein – gezeichnet haben. Die längerfristigen Folgen, sind sich die Teilnehmenden einig, werden sich erst in einigen Monaten zeigen. Dass die Digitalisierung durch die Krise vorangetrieben wurde, wird einerseits als positiver Aspekt anerkannt, gleichzeitig warnten vor allem die Sozialpädagogen im Team davor, dass Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen keinen Zugang zu digitalen Endgeräten haben oder nie die Chance hatten, den Umgang mit ihnen zu erlernen, nicht ausgegrenzt werden.

Beobachtungen und Auffälligkeiten

Dass die psychischen Erkrankungen zugenommen haben, ist eine Beobachtung, welche die Mitglieder des Beratungsteams allesamt teilen: Die Zahl der Suizide sei während der Pandemie angestiegen, berichtete Ralf Wiedemer, Leiter des Ordnungsamts in Appenweier, ebenso die drohende Obdachlosigkeit. Zum Beispiel habe man mit Eltern zu tun, die ihre erwachsenen Kinder aus der Wohnung werfen wollten. Auch bei Geflüchteten, vor allem wenn sie nicht arbeiten dürften, manifestierten sich psychische Auffälligkeiten. Die Nachbarschaftsstreitigkeiten, die bei der Verwaltung gemeldet würden, hätten zugenommen, hieß es aus Willstätt, oft gehe es um Lärm, welcher von der Nachbarschaft ausgehe. „Man redet nicht mehr miteinander“, konstatiert der Leiter des Bereichs Ordnungswesen Ralph Locher. Eine Feststellung, die sein Rheinauer Kollege Armin Schäfer nur bestätigen kann: „Manche Personen meinen, jeden Regelverstoß anzeigen zu müssen, oft leider anonym, was eine Zuordnung erschwert." Familiäre Streitigkeiten und Trennungen hätten ebenfalls zugenommen.

Auch das Verhalten im öffentlichen Raum und der Umgang mit dem Eigentum der Allgemeinheit hat sich durch die Pandemie ganz offensichtlich verändert. „Viele Leute halten sich an gar nichts mehr“, lautet die Diagnose. Das fängt damit an, dass Müll einfach weggeworfen oder liegengelassen wird oder dass Menschen mit ihren Wohnmobilen in Gruppen in den Wald fahren, um dort gemeinsam zu grillen. Auf den Gewässern zwischen Auenheim und Rheinau sind ungeübte Paddler in großer Zahl unterwegs, beschädigen Uferbereiche, reißen Wasserpflanzen ab und hinterlassen plattgetrampelte Flächen, die sie sich als Rastplätze auserkoren haben. An den Baggerseen werden Rettungswege zugeparkt.

Die längerfristigen Folgen von Corona kämen erst noch, ist sich Binja Frick, kommissarische Leiterin des Fachbereichs Bildung, Soziales und Kultur bei der Stadt Kehl, sicher: Die Jugend- und Jugendsozialarbeiter „werden von Multiproblemlagen überrollt.“ In Gesprächen erführen diese von Suizidgedanken mancher Jugendlicher, stellten Selbstverletzungen oder Essstörungen fest. Mit dem Haus der Jugend to go, also den zu Lounges umgestalteten Kleinbussen der Jugendarbeit, welche sich die Jugendlichen noch bis zu den Sommerferien an ihre Treffpunkte bestellen können, habe man etwas Druck vom Kessel nehmen können. „Das ist eine sehr gute Aktion.“

Jugendliche und Corona

In der Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen hätten sich viele Jugendliche ungerecht behandelt gefühlt, berichtete Binja Frick. Seien junge Leute im Freien in kleinen Grüppchen zusammengekommen, seien sie deutlich häufiger kontrolliert worden als ältere Menschen in der gleichen Situation. Den Eindruck, der dabei entstanden sei, gibt sie so wieder: „Junge werden gemaßregelt, Ältere dürfen machen, was sie wollen.“ Dazu komme, dass auch noch heute einige Corona-Regeln – weder für die Jugendlichen noch für die Organisatoren in den Jugendeinrichtungen und von Ferienprogrammen – nachvollziehbar seien. Warum zum Beispiel müssten sich Teilnehmende an Ferienprogrammen alle 48 Stunden auf den Corona-Virus testen lassen, von der Schule bescheinigte Tests seien indes 60 Stunden gültig? Privat dürfe man sich mit 300 Personen treffen, während es für die Jugendeinrichtungen immer noch Beschränkungen gebe: „Die Jungs und Mädels rennen uns die Bude ein. Sie haben die Nase voll von ständiger Beobachtung und vom Zuhausesein.“

Menschen, die aus verschiedenen Gründen keinen Zugang zu digitalisierten Services haben, fühlten sich noch stärker abgehängt, berichtete Ulrike Jensen von der Bewährungshilfe. Wenn Anträge nur noch online gestellt werden könnten, resignierten sie leicht; gerade Menschen in schwierigen Lebenssituationen bräuchten persönliche Unterstützung, um sich im Bürokratiedschungel zurechtzufinden.

Autor:

Daniela Santo aus Lahr

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