Lahrer Kulturamtsleiter
Gottfried Berger verabschiedet sich in Ruhestand

Gottfried Berger

Lahr (st).Über zwei Jahrzehnte leitete Gottfried Berger das Lahrer Kulturamt. Der in Frankfurt/Main geborene und in Innsbruck aufgewachsene Österreicher geht zum 1. Januar in den wohl verdienten Ruhestand. Die 39-jährige Opernsängerin Cornelia Lanz übernimmt an diesem Tag das Ruder des Kulturamts, nachdem Berger sie in den vergangenen zwei Monaten kontinuierlich an seinen Erfahrungen hat teilhaben lassen.

Es ist ein Abschied so ganz untypisch gegenüber den mehr als 21 Jahren seiner Amtszeit. Veranstaltungsabsagen, Rückabwicklungen und Terminumbuchungen mitsamt unendlichen Ungewissheiten, wie und wann wieder gespielt werden darf, stapeln sich auf Bergers Schreibtisch, im Parktheater und im Schlachthof herrscht seit Monaten gähnende Leere. Aufgrund des seit Anfang November erneuten Corona-Lockdowns light geht er nun in den Ruhestand, ohne seine letzte Veranstaltung im Parktheater bewusst als solche in der Rolle als Veranstaltungsleiter wahrgenommen zu haben, was er sehr bedauert.

Ruhig und besonnen

Der von seinen Mitarbeitern für seine ruhige und besonnene Art geschätzte Amtsleiter brachte langjährige Erfahrungen als Clown, ein abgeschlossenes Kunststudium, ein ebensolches als Sozialarbeiter und vor allem Beharrlichkeit mit in die Arbeit ein. Lahrs Erster Bürgermeister Guido Schöneboom beschreibt die Vorgehensweise Bergers in seiner liebevoll arrangierten Abschlussrede nach zehn Jahren Zusammenarbeit so: „Gottfried B. war in seinen Forderungen nie maßlos, aber wenn er ein Thema aus tiefster Überzeugung verfolgt hat, konnte er sehr nachdrücklich sein. Hier muss ich auf seine Taktik zu sprechen kommen, ausgeklügelt und facettenreich, vor allem beim Schreiben von E-Mails. Die Strategie folgt einer Dramaturgie in mehreren (Eskalations-)Stufen. Man nehme erstens lange Schachtelsätze, die den Leser ermüden. Zweitens nutze man den reichhaltigen deutschen Wortschatz und wähle mit Bedacht besonders eindrückliche Verben oder Substantive, um Druck auf die Gegenseite zu verlagern. Bei Gefahr im Verzug würze den Text drittens mit Unterstreichungen und/oder fetter/kursiver Hervorhebung einzelner Worte/Wortgruppen, damit die Eindringlichkeit besonders auffällt. Und viertens – ganz aktuell – ist in den letzten Wochen noch Farbe mit ins Spiel gekommen, um sozusagen seine Höchstform von ‚Alarm‘ anzuzeigen.“ Dementsprechend bunt sind die Spuren, die Berger nach all den Jahren seiner Amtszeit in der Lahrer und Ortenauer Kulturlandschaft hinterlässt: Ein überregional bekanntes Figurentheater-Festival, treue Abonnenten in steigender Zahl, gut ausgelastete Veranstaltungsreihen und eine beachtliche Kunstsammlung.

Populahr.de und OrtenauKultur.de

Auch das Konzept des Lahrer Veranstaltungskalenders populahr.de stammt von Berger, damals einer der ersten dieser Art in Deutschland, der von den Kulturtreibenden einer Stadt selbst genutzt und eingepflegt wird. Einige Jahre später brachte Berger gemeinsam mit dem Offenburger Kulturbüroleiter Edgar Common das Ortenauer Kulturportal ortenau.kultur.de. auf den Weg, das inzwischen fast jede Kommune des Ortenaukreises nutzt.

Puppenparade

Gleich zu Beginn seiner Zeit als Amtsleiter, im Jahr 1999, initiierte Berger die Puppenparade in Lahr. Das erfolgreiche, jährlich stattfindende Figurentheaterfestival entwickelte sich zu einem kulturellen Aushängeschild und verschaffte der Stadt Lahr damit ein Alleinstellungsmerkmal. Im Jahr 2011 strich der Gemeinderat den Kulturetat allerdings zusammen – die Puppenparade fiel dem zum Opfer. Bergers Kampfgeist und Kreativität ist es zu verdanken, dass die Veranstaltungsreihe nur ein Jahr später ein Comeback als interkommunales Figurentheaterfestival erlebte, bei dem inzwischen zwölf Kommunen aus dem gesamten Ortenaukreis beteiligt sind.

"LahrBoulevard"

Von seinem Vorgänger Bernard Maier hatte Berger das erfolgreiche Fundament einer Theaterreihe und einer Sinfoniekonzertreihe übernommen. Er selbst fügte diesem in Lahr gut funktionierendem Konzept eine Boulevard-Theaterreihe hinzu. Die Geschichte, die dazu führte, erzählt Berger immer wieder gern: Der Chef der Lahrer städtischen Hausmeister sprach ihn bei einer Begegnung an: „Wann machen Sie mal etwas für uns?“ Auf Bergers Entgegnung „Was genau meinen Sie?“ sagte dieser: „Etwas Lustiges, so für Leute wie mich“. Berger verstand und machte sich ans Werk. Aus diesem Gespräch entstanden ist inzwischen eine Abo-Theaterreihe, in der Berger nicht plumpes Schenkelklopf-Theater zeigt, sondern gute, leichte Unterhaltung auf hohem Niveau. In normalen Zeiten beschert diese vierteilige Reihe mit rund 515 Abonnenten bei 680 verfügbaren Plätzen im Lahrer Parktheater dem Kulturamt regelmäßig ein ausverkauftes Haus. Sie ist damit die erfolgreichste der bestehenden Abo-Reihen. Überhaupt ist das Lahrer Kulturamt mit beständig über 1.000 Abonnenten bei seinen drei Abo-Reihen, einem Kombi-Abo und dem Wahl-Abo sehr gut aufgestellt.

Kooperationen

Selten stehen Kulturmanagern ausreichend Gelder zur Umsetzung aller Ideen zur Verfügung. Und dennoch umfasste das umfangreiche Programm Bergers stets eine, für die Größe Lahrs, bemerkenswert ausgewogene und hochwertige Mischung vom Kindertheater über Modern Dance bis hin zum Rock-/Pop-Konzert. „Mir war nicht nur die finanzielle Förderung der Lahrer Kulturtreibenden ein Herzensanliegen, sondern gerade auch die konkrete, wirklich gemeinsame Kooperation,“ begründet Berger, warum im Lauf der Jahre Projekte mit zumeist wechselnden Partnern aus der Lahrer Kulturszene immer mehr wurden. Darunter Auftritte von städtischen Schulen mit großen Musical-Inszenierungen, der Bezirkskantorei, der Bigband „W“, den "Golden Harps" sowie die gemeinsame Singer-Songwriter-Reihe mit der Rockwerkstatt „Songs ‘n‘ Singers“ und die gemeinsame Kabarettreihe „Einspruch! LahrKabarett“ mit dem Kulturkreis Lahr, aber auch „Weltklassik am Klavier“ und Konzerte mit der Städtischen Musikschule in der gemeinsamen Reihe „Lahrer Meisterkonzerte“.

Kunst

Mit „Kunst in die Stadt!“ initiierte Berger im Jahr 2000 eine jährlich wiederkehrende Skulpturen-Ausstellung im öffentlichen Raum der Lahrer Altstadt, zu der parallel auch immer kleinere Werke in der Städtischen Galerie gezeigt werden. „Mittels unterschiedlichster künstlerischer Medien, Materialien und Arbeitsstile entstehen auf diese Weise im städtischen Leben neue Wahrnehmungen des gewohnten Stadtbildes. Sie überraschen und eröffnen neue, ungewohnte Perspektiven,“ begründet Berger die Zielsetzung dieser Reihe. Namhafte Künstler wie Stefan Rohrer, Angelika Summa oder Robert Schad und Werner Pokorny kamen auf diese Weise mit ihren Werken in die Stadt. Jeweils abhängig vom Ankaufsetat konnten immer wieder kleinere Skulpturen und Objekte für die Städtische Kunstsammlung erworben werden, so dass sich im Rahmen der vergangenen 20 Jahre in der Städtischen Kunstsammlung, zu der auch Malerei, Grafik und Fotografie gehören, der Schwerpunkt Skulptur herauskristallisierte.

Einen perfekten dauerhaften Ausstellungsort für diese Sammlung sieht Berger übrigens in der durch den Umzug des Museums in die Tonofenfabrik frei gewordenen und viel Tageslicht bietenden Villa Jamm. Bergers Ansicht nach „könnte Lahr auf diese Weise die bestehende Lücke auf der Landkarte der Skulpturenmuseen im deutschen Südwesten zwischen Heilbronn und Basel durchaus hochkarätig und attraktiv schließen". Festzurren ließ sich dieses Vorhaben jedoch während seiner Amtszeit wegen dringlicherer Anliegen der Stadtverwaltung bisher nicht. Doch Schöneboom ist sich der Beharrlichkeit Bergers durchaus bewusst, wenn er seine Abschiedsrede mit den Worten beendet: „Das Skulpturenmuseum – ich habe es mir aufgespart. Es hängt nicht wie ein Damoklesschwert über uns, aber in diesem Punkt konnten wir bis dato keine einheitliche Linie finden, das Thema müssen wir in die Zukunft verlagern. Mir ist klar, dass Sie nicht nachlassen werden und ja, sollte sich hier was in den kommenden Jahren bewegen lassen, dann werde ich mich dem nicht verschließen. Versprochen.“

Autor:

Daniela Santo aus Lahr

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