Als größte Verlegerin ihrer Zeit machte sie ihren Namen zur Weltmarke
Eine Jahrhundertfrau aus der Ortenau: Aenne Burda

Aenne Burda und der ehemalige Offenburger Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Bruder bei der Einweihung des Aenne-Burda-Stiftes im Jahr 2001
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Offenburg (gr). Ein liebes Kind sei sie nie gewesen, und schon als kleines Mädchen habe sie gewusst: „Ich will", sagte Aenne Burda einmal in einem Interview. Was sie wollte? Erfolg, Macht, Reichtum.

1949 bietet sich die Gelegenheit, das alles zu erreichen. Als 40-Jährige, Ehefrau und Mutter dreier Söhne, übernimmt Aenne Burda einen heruntergekommenen Mode-Verlag in Lahr und startet durch. Denn sie weiß: Auch im Nachkriegsdeutschland, in dem die Frauen aus zerschlissenen Uniformen ihre Kleider nähen, können Modeträume wahr werden. Sie möchte die graue Trümmertracht aus dem Alltag verbannen und den Frauen wieder Weiblichkeit und Charme zurückgeben. Dafür steht ihre Zeitschrift "burda Moden" von Anfang an. Das Herzstück ihres Erfolgs: ausgefeilte Schnittmuster, internationaler Chic und zeitlose Eleganz auf einem Rädelbogen. Perfekte Passform in allen Größen, für jede Frau zum Nachschneidern, für ein neues Selbstbewusstsein.

Eine halbe Million Hefte

Bereits 1957 verkauft "burda Moden" eine halbe Million Hefte pro Ausgabe, 1965 wird die erste Auflagen-Million erreicht. In den Siebzigern ist es die Modezeitschrift Nummer eins, hat über zwei Millionen Auflage, wird in 14 Fremdsprachen übersetzt. Auch Aenne Burda selbst erobert die Welt: Sie baut Netzwerke auf und knüpft Kontakte in der Modeszene. Internationale Mode-Designer entwerfen für die Zeitschrift, die in den kommenden Jahrzehnten, in 16 Sprachen übersetzt, in 90 Ländern erscheinen wird. Und den Namen Burda auf jedem Kontinent bekannt macht. Als Marke und weltweites Synonym für schicke tragbare Mode zum Selbermachen. Neben "burda Moden" gibt es in den kommenden Jahrzehnten eine ganze Palette erfolgreicher Zeitschriften für kreative Frauen, zahlreiche Sonderhefte für Mode, Wohnen und Familie folgen. Dazu eine separate Schnittmusterproduktion. 1978 erreicht der Verlag den Zenit mit insgesamt 70 Millionen jährlicher Druckerzeugnisse.

Die Macht der Mode, made in Offenburg: 1987, mit 77 Jahren, läuft Aenne Burda mit Topmodels in Moskau über den Catwalk! "burda Moden" schreibt Weltgeschichte, ist laut Raissa Gorbatschowa ein „Beitrag zur Demokratisierung der Frauen in der Sowjetunion". Für den damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher hat „Aenne Burda mehr geleistet als drei Botschafter vor ihr". Ihr Mann, Senator Franz Burda, erlebt diesen Triumph seiner Frau nicht mehr: Nach über 55 Ehejahren mit allen Höhen und Tiefen war er im September 1986 gestorben.

Rückzug aus dem Verlagsgeschäft

1994 zieht sich Aenne Burda aus dem Verlagsgeschäft zurück. Eine stolze Omi mit geliebten Enkeln und Urenkeln. Die 2001 noch erleben muss, wie Enkel Felix Burda an Darmkrebs verstirbt. Ein Verlust, von dem sie sich bis zu ihrem Tod kaum erholt. Ein Trost: die Malerei, neben der Mode eine weitere große Passion von Aenne Burda. Als die Grande Dame der Mode 2005 mit 96 Jahren stirbt, hinterlässt sie Offenburg nicht nur ein Unternehmen von Weltformat. Sie hat auch einen großen Beitrag zur Altenhilfe geleistet durch das Aenne-Burda-Stift. Außerdem schenkt sie ihrer Heimatstadt zu ihrem Neunzigsten das Denkmal „Freedom" des amerikanischen Künstlers Borofsky. Nicht zu vergessen die vielen Erinnerungen, die ihre Mitarbeiter im Herzen tragen.

Erinnerungen an Aenne Burda

Bernadette Marzluf (79), ehemalige Atelier-Leiterin : „Es war 1965, als ich, eine junge Französin aus Straßburg, in den Verlag kam. Und so unglaublich es heute klingt: Ich fühlte mich fremd unter den Deutschen, hatte Heimweh, die Arbeit ging nicht so leicht von der Hand, wie es hätte sein können. Bis zu dem Tag, als die Chefin ins Atelier kam, auf dem Arm einen teuren Ozelotmantel. Wer sich zutrauen würde, ihn zu kürzen? Ich, Bernadette Marzluf, ein Profi in Sachen Pelze vernähen! Einige Tage später ließ ich den Mantel zu Frau Burda bringen. Keine zehn Minuten später kam sie, den Mantel übergezogen, ins Atelier: 'Alle herschauen!". Sie umarmte mich und bedankte sich laut und deutlich für die gute Arbeit. Das war für mich Herzbalsam, diese Wertschätzung. Plötzlich fühlte ich mich zu Hause. Und zwar mein ganzes Arbeitsleben lang."

Hans Schaub (72), Chef vom Dienst: Es war Mitte der 1980er-Jahre, als ich Frau Burda drei Versionen eines Portraitfotos von ihr zeigte: eine, die ihre Falten völlig glättete, eine, die nur ein wenig schönte und eine nicht retuschierte Variante. Version eins bügelte sie sofort ab –„die Zitt, die isch scho lang vorbei“, Variante drei nach kurzem Überlegen. Variante zwei sollte es schließlich sein: „Ä bissel eitel bleibe mir Fraue halt ä Läbe lang“, sagte sie und lächelte wehmütig.

Anne Tiganele (64), Moderedakteurin: Diaauswahl – als Aenne Burda die Bilder meiner Strickproduktion sah, war sie entsetzt: "Neuproduktion", und zwar mit aussortierten Strickmodellen aus einem anderen Heft. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen: „Frau Burda, Sie lassen doch für das Flaggschiff des Hauses keine aussortierten Modelle fotografieren! Meine sind gut!“ Eiserne Ruhe, dann, statt Donnerwetter, ein anerkennendes „Wenn Se meine…“.

Radio für den Konfirmanden

Knut Lange (81), Produktionschef: An einem Freitagnachmittag, mein Sohn feierte am Wochenende Konfirmation, ging ich zum Friseur. Prompt wollte mich Frau Burda sprechen, rief persönlich bei Edy Weber an: „Sofort in den Verlag!“ Ich erklärte ihr, warum ich beim Friseur war, die Sache schien vergessen. Doch: Am nächsten Morgen kam ein Paket für den Konfirmanden. Mit Karte und einem Kofferradio der Luxusklasse. Er hat dieses Geschenk bis heute.

Ingo Donner (65), Art Director: 1978 fing ich bei "burda Moden" als Grafiker an, bereits in der ersten Woche stand abends die Chefin persönlich vor mir. Ein neuer Mitarbeiter, den sie noch nicht kannte: Mit einem „komme se mit“ zog sie mich in ihr Büro. Ich war so verdattert, dass ich mich unaufgefordert setzte. Frau Burda sah mich kurz an – und lächelte: „Bittschön, setze se sich“.

Autor:

Christina Großheim aus Offenburg

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