Interview mit Reinhard Kirr
"Wir waren bestmöglich vorbereitet"

Reinhard Kirr

Ortenau. Das Landratsamt Ortenaukreis hat im Zuge der Corona-Pandemie einen Krisenstab eingerichtet. Reinhard Kirr ist Dezernent für Sicherheit, Ordnung und Gesundheit im Landratsamtund im Krisenfall Leiter des Koordinierungsstabs Kommunikation des Ortenaukreises. Im Interview mit Anne-Marie Glaser erklärt Reinhard Kirr über die Hintergründe.

Wann kommt der Krisenstab zum Einsatz?
Der sogenannte Koordinierungsstab Kommunikation, kurz KoKo, wirdeingesetzt, wenn ein außergewöhnliches Ereignis mit hohem Potential an Personen oder
Sachschäden oder Medieninteresse droht – oder bereits eingetretenen ist.
Ziel ist es, die Aufgaben der am meisten betroffenen Arbeitsbereiche inner- und
außerhalb des Landratsamts so früh, so effizient und so effektiv wie möglich
aufeinander abzustimmen. Je nach Schadensereignis, das heißt. ob es sich beispielsweise,
wie im vorliegenden Fall, um eine Pandemie oder etwa um eine Naturkatastrophe,
einen Großbrand oder einen Anschlag handelt, kommen verschiedene Akteure zum
Einsatz.

Wer gehört dazu?
Im aktuell einberufenen KoKo Corona, also im Fall einer Pandemie, ist nebenLandrat Frank Scherer als Behördenleiter und dessen Stellvertreter, Erster
Landesbeamter Dr. Nikolas Stoermer, besonders die Leiterin des Gesundheitsamts,
Dr. Evelyn Bressau, gefragt. Hinzu kommen die hausinternen Fachleute für
organisatorische Fragestellungen, für die Kommunikation und die Dokumentation
sowie für Themen der Sicherheit und Ordnung sowie des Bevölkerungsschutzes. Je
nach Lageentwicklung werden weitere Fachämter mit eingebunden. Wichtige Partner
und Akteure im Rahmen der Corona-Pandemie sind das kreiseigene Ortenau
Klinikum mit Geschäftsführer Christian Keller sowie die Kassenärztliche Vereinigung
mit Dr. Doris Reinhardt. Als externe Fachberater sind zudem die Landes- und
Bundespolizei sowie der Rettungsdienst regelmäßig an Bord.

Und wie arbeitet er?
Insgesamt sind wir im Krisenstab bisher mehr als 40 Mal zusammengekommen,zeitweise täglich, auch am Wochenende, zunächst noch vor Ort, später im Rahmen
von Videokonferenzen. Hier tauschen sich die Verantwortlichen über den aktuellen
Stand der Lage, maßgebliche Probleme, eingeleitete Maßnahmen und erledigte
Aufgaben aus. Auf Basis dieser Informationen werden Entscheidungen getroffen
sowie weitere Aufgaben priorisiert und verteilt. Neben den Entwicklungen der
Neuinfektionen, den Kontaktpersonenermittlungen durch das Gesundheitsamt, den Testungen in Drive-in-Stationen beziehungsweise durch die Hausärzte, der Beschaffung undVerteilung von Schutzausrüstung und dem Aufbau von Intensiv- und
Beatmungsplätzen im Klinikum stehen etwa Empfehlungen an die Gemeinden, der
Umgang mit Grenzpendlern sowie Hygienekonzepte für Kliniken und Pflegeheime
oder auch die Einrichtung von Ausweichquartieren auf der Tagesordnung. Weiterhin
werden Einheiten des Bevölkerungsschutzes zur Einrichtung von
Patienteninformationsstellen an den Standorten des Ortenau Klinikums oder zur
Unterstützung der Bundespolizei bei Grenzkontrollen koordiniert.

Inwiefern gab es schon vor der aktuellen Krise Pläne für den Fall einerPandemie oder musste aus dem „Nichts“ gehandelt werden?

Erfreulicherweise mussten wir nicht „bei Null“ anfangen, was uns die zurückliegendeArbeit im KoKo Corona erleichtert hat. In der aktuellen Lage der Pandemie konnten
wir glücklicherweise sogar auf zwei „Krisenmanagement“-Pläne zurückgreifen:
einerseits auf die Stabsdienstordnung und andererseits auf den betrieblichen
Pandemieplan.
Die Stabsdienstordnung regelt als besondere Dienstordnung die Aufbau- und
Ablauforganisation der Stabsorganisation im Landratsamt Ortenaukreis als
besondere Organisationsform zur Bewältigung von Krisen und somit den Aufbau und
die Aufgaben der Krisenstäbe. Dabei werden die Vorgaben des Landes und des
geltenden Feuerwehr- und Katastrophenschutzrechtes beachtet. Diese
Stabsdienstordnung konnte von uns erfolgreich innerhalb der Pandemie umgesetzt
werden und hat zur effizienten Arbeit im KoKo Corona beigetragen. Die Mitarbeiter
des KoKo werden regelmäßig in ihren Aufgaben intern geschult, besuchen auch die
Fortbildungsangebote für Stabsarbeit der Landesfeuerwehrschule.
Der betriebliche Pandemieplan beinhaltet interne und externe Maßnahmen im Falle
des Auftretens einer Pandemie. So erläutert er die personelle und betriebliche
Planung, das heißt welche Fachbereiche und welches Personal handlungsfähig bleiben
müssen. Außerdem gibt er Verhaltensregeln und Empfehlungen in den Bereichen
Kommunikation, Hygiene- und Medizinmaterial, Schutz der Mitarbeiter und
Information der Mitarbeiter vor.

Gesundheitsschutz war und ist ein wichtiges Thema. In welchen Bereichenbestand für das Landratsamt darüber hinaus Handlungsbedarf?
Natürlich haben der Schutz von Leib und Leben sowie die Bekämpfung derPandemie und alle damit zusammenhängenden Maßnahmen oberste Priorität.
Darüber hinaus werden im Krisenstab aber etwa auch hausinterne Maßnahmen zur
Sicherung des Betriebs des Landratsamts und seiner Eigenbetriebe besprochen, zum Beispiel wurde die Einrichtung von Patienteninformationsstellen an den Standorten des
Ortenau Klinikums zur besseren Steuerung der Patientenströme beschlossen.
Zudem müssen Bereiche mit staatlichen Aufgaben trotz Pandemie beziehungsweise unter Einhaltung der erforderlichen Hygieneschutzmaßnahmen funktions- undhandlungsfähig bleiben. So musste etwa das Jugendamt weiter für den Kinder- und
Jugendschutz Sorge tragen können, Sozialleistungen weiter ausbezahlt werden, die
Abfallentsorgung gewährleistet oder die kreiseigenen Beruflichen Schulen und
Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren wieder in Betrieb genommen
werden. Weiterhin wurden durch unser Amt für Brand- und Katastrophenschutz
Handlungsempfehlungen für die Einsatzkräfte des Bevölkerungsschutzes entworfen,
um die dort ehrenamtlich tätigen Personen schützen zu können.

Inwieweit ist das Landratsamt im Falle einer Pandemie zuständig, in welchenBereichen liegt die Zuständigkeit bei den Kommunen?
Der Ortenaukreis ist bei einer Pandemie für alle Bereiche des Gesundheitsschutzesgemäß dem Infektionsschutzgesetz und alle gefahrenabwehrenden Maßnahmen
gemäß dem Landeskatastrophenschutzgesetz zuständig. Die Regelzuständigkeiten
des Landkreises als untere Verwaltungsbehörde blieben weiterhin bestehen.
Die kommunalen Ortspolizeibehörden sind weiterhin für den Erlass von
ordnungsrechtlichen Verfügungen, zum Beispielaktuell von Quarantäneanordnungen,
zuständig.

Wie gut ist der Ortenaukreis im Falle einer zweiten Welle gerüstet?
Wir sind im Ortenaukreis gut auf eine weitere Welle vorbereitet – sowohl was dieIntensiv- und Beatmungsplätze im Ortenau Klinikum, die persönliche
Schutzausrüstung als auch die Testzentren und Fieberambulanzen betrifft:
Konnte das Gesundheitsamt in der bisherigen Krisenbewältigung auf selbst
rekrutierte Medizinstudierende und Pensionäre sowie Mitarbeiter des Landratsamtes
zurückgreifen, wird für künftige Akutfälle schon jetzt der vom Land ermittelte Bedarf
an 78 weiteren Fachkräften vorgedacht und angepasst.
Das Ortenau Klinikum hat die Zahl seiner Beatmungsplätze massiv ausgebaut;
derzeit hält es 49 Beatmungsplätze vor, die bei Bedarf auf 122 Plätze hochgefahren
werden können.
Die innerhalb des Ortenaukreises eingerichteten Fieberambulanzen befinden sich
aktuell im „standby-Modus“ und können bei Bedarf wieder innerhalb zwei Tagen
reaktiviert werden. Dabei können diese, falls dies notwendig wird, auch an anderen
Orten als bisher eingerichtet werden.
Die dezentral durchgeführten Testungen bestehen auch weiterhin, somit verfügen wir
über eine große Testkapazität. Unterstützt werden die Testungen durch das
eingerichtete Coronamobil, welches bis September die Hausärzte unterstützt und
zum Beispiel Testungen in Pflegeeinrichtungen ermöglicht.
Was die Schutzausrüstung anbetrifft, hat unser Haus weltweit, aber gerade auch bei
regionalen Anbietern umfassend PSA beschafft. Hinzu kommen Lieferungen des
Landes, aus der Kooperation mit der Feuerwehr Offenburg und Spenden. In der
Summe kamen so bisher fast vier Millionen FFP2-Masken, Mund-Nasen-Schutz,
Schutzkittel und -anzüge, Brillen und weitere Schutzkleidung zusammen. Damit
werden insbesondere das Ortenau Klinikum, die Kassenärztliche Vereinigung, Alten- und
Pflegeheime, ambulante Pflegedienste und Rettungsdienste neben weiteren
Einrichtungen im medizinischen Bereich von unserem Amt für Brand- und
Katastrophenschutz versorgt.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Krisenmanagement? Was hätte man andersorganisieren sollen? Was ist Ihr persönliches Fazit?
Zwar ist es für eine Bilanz noch zu früh, jedoch denke ich, dass wir im Ortenaukreisbestmöglich auf den Ernstfall vorbereitet waren – obgleich natürlich mit einem
Shutdown dieses Ausmaßes niemand gerechnet hat. Dass unser Landrat Frank
Scherer mit Blick auf die Entwicklungen in Europa und in den benachbarten
Regionen schon im Februar den Krisenstab einberufen hat, hat uns sicher wertvolle
Zeit verschafft. Gewiss haben auch die frühzeitig eingeleiteten landes- und
bundesweiten Maßnahmen dazu beigetragen, dass wir im bisherigen Verlauf eine
schlimmere Ausbreitung des Infektionsgeschehens verhindern konnten. Die
Beschaffung von Schutzkleidung und die damit verbundene Vorhaltung von
Schutzausrüstung hat sich als zielführend erwiesen, um frühestmöglich die
Einrichtungen im Gesundheitswesen ausstatten zu können, gerade zum Zeitpunkt
des Mangels an Schutzkleidung.
Sehr zufrieden und dankbar bin ich über die professionelle Zusammenarbeit des
Krisenstabes mit den internen und externen Akteuren. Sämtliche Mitarbeiter haben
weit über das normale Maß hinaus gearbeitet und die Stärke des Ortenaukreises in
Zeiten einer Krise unter Beweis gestellt.

Autor:

Anne-Marie Glaser aus Offenburg

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