Fußnote, die Glosse im Guller
Medizin mit Nebenwirkung

So langsam gibt es ja glücklicherweise immer mehr Lockerungen. In den vergangenen Wochen waren die Möglichkeiten in Sachen Freizeitgestaltung allerdings enorm eingeschränkt. Ich persönlich ging deshalb viel spazieren. Da der Mann, der mit mir Tisch und Bett, aber nicht die Freude an Bewegung teilt, dazu keine Lust hatte, war ich oft alleine unterwegs. Das war aber völlig okay, denn dabei traf ich oft Menschen, die gerne ein Schwätzchen hielten – natürlich unter strenger Beachtung der Abstandsregeln.

Schwätzchen mit Fremden

In der Corona-Krise scheint die Bereitschaft gestiegen zu sein, sich auch mit völlig Fremden auf einen Plausch einzulassen. Einfach ist es, vor allem mit Hundebesitzern ins Gespräch zu kommen, da sich die Vierbeiner als Thema anbieten. Besonders denkwürdig war für mich dabei die Begegnung mit einer älteren Dame – einer pensionierten Studienrätin, wie sie mir verriet. Ihr Mischling hat eine harte Jugend gehabt als Straßenhund in Bulgarien, Rumänien oder vielleicht war es auch Albanien. Das weiß ich nicht mehr so genau. Jedenfalls wurde er gerettet, hat aber eine Phobie vor schwarzen Turnschuhen. Das Tier untermauerte die Ausführungen seines Frauchens gleich eindrucksvoll, indem es versuchte, in die meinigen zu beißen.
Während das Thema traumatisierte Tiere die Dame sichtlich mitnahm, betrachtete sie die Auswirkungen der Corona-Krise auf Zweibeiner mit philosophischer Gelassenheit und stellte die These auf: Die dadurch erzwungene Entschleunigung tue uns Menschen gut, sei wie eine bittere, aber heilsame Medizin.

Aktionismus

Die Angst um mein Schuhwerk veranlasste mich, das Gespräch zu beenden. Ihre These beschäftigt mich aber weiterhin. Diese mag vielleicht auf ehemalige Beamte zutreffen, die eine gute Pension haben und in einem schönen Haus mit Garten leben, das bereits seit Jahrzehnten abbezahlt ist. Ob es aber das Wohlbefinden von Menschen in Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit steigert, wenn sie jetzt viel Zeit haben, darüber nachzugrübeln, von was sie um Himmels Willen ihre Miete bezahlen sollen?
Zudem stelle ich fest, dass viele zwar mehr Zeit haben, aber gerade deshalb in sonderbaren Aktionismus verfallen. So mutierte eine freiberufliche Kollegin plötzlich zum Putzteufel. Sie hat sogar ihre Fensterrahmen auseinandergenommen, um Stellen zu säubern, die man normalerweise gar nicht sieht.

Tomaten pflanzen

Mich selbst überkam ein bislang unbekannter Drang, Tomaten im Garten zu pflanzen. Es ist nicht wirklich klar, ob sie erfroren sind oder letztendlich von mir ertränkt wurden. Jedenfalls beschloss der Familienrat, ich solle lieber spazieren gehen. Die pensionierte Studienrätin ist mir leider nicht mehr begegnet. Schade, ich wollte ihr auf den Weg geben: Erzwungene Entschleunigung durch eine Pandemie ist nicht heilsam. Die Nebenwirkungen von Aktionismus bis Existenzangst tun nämlich gar nicht gut.
Anne-Marie Glaser

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