Aurelio Tamburello kam in den 60er-Jahren aus Sizilien

Aurelio Tamburello mit Hündchen Gina.
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„Wo es dir gut geht, dort ist die Heimat“, stellte schon der römische Tragödiendichter Pacuvius (220-130 v. Chr.) fest. Im Rahmen der deutschlandweiten Aktion des Bundesverbands
Deutscher Anzeigenblätter „Das geht uns alle an“ stellen wir in unserer
Serie Menschen vor, die ihre ursprüngliche Heimat aus den
unterschiedlichsten Gründen verließen. Eine neue haben sie in der
Ortenau gefunden. In Teil 4 spricht Anne-Marie Glaser mit Aurelio
Tamburello, der in den 60er-Jahren aus Sizilien in die Ortenau kam. 

Er hat noch ein Häuschen in Bisacquino, einer kleinen Stadt südlich von
Palermo. Früher ist Aurelio Tamburello regelmäßig in Urlaub dorthin
gefahren. Inzwischen tritt der 78-Jährige nur noch selten die lange
Reise nach Sizilien an. 1960 hat er Italien verlassen, um in Deutschland
zu arbeiten. „Ich wollte eigentlich nur ein paar Jahre bleiben“,
erzählt der Rentner. Tatsächlich lebt er nun seit 55 Jahren hier.

Aurelio Tamburello ist ein Mensch, der die Dinge so nimmt, wie sie sind und das
Beste daraus macht. Er ist niemand, der sich beklagt, schon gar nicht
über längst Vergangenes. Aber wenn er von seiner Kindheit und Jugend
erzählt, kommt er nicht umhin, auch über traurige Erinnerungen zu
sprechen. 1937 geboren, erlebte er noch den Krieg, wie damals die Bomben
auf Sizilien fielen und seine Mutter dann rief: „Schnell, wir müssen
uns verstecken.“ Eigentlich hatte er sechs Geschwister, aber drei
verstarben noch als Kinder. „Während des Kriegs war die medizinische
Versorgung schlecht“, konstatiert er. Es waren harte Zeiten.

Seine Eltern hatten Landwirtschaft und züchteten gemeinsam mit Nachbarn
Schafe, Pferde sowie Kühe. Die Männer blieben nachts bei den Herden.
Einmal, als sein Vater alleine war, überfielen ihn Viehdiebe und er
wurde angeschossen: „Um die Behandlung bezahlen zu können, mussten wir
fast alles verkaufen.“ 

Aurelio Tamburello ist gerne zur Schule gegangen, durfte eine Zeit lang sogar Englisch lernen, was kostspielig war. Aus diesem Grund musste er dann auch aufhören. „Wir waren nicht
direkt arm, hatten Hühner und haben Eier verkauft“, sagt der Sizilianer.
Aber viel Geld kostete beispielsweise die Medizin, die seine an
chronischer Bronchitis leidende Mutter brauchte. Damit die Familie über
die Runden kam, mussten selbst die Kinder etwas dazuverdienen. Nach dem
Unterricht arbeitete der handwerklich geschickte Aurelio Tamburello
deshalb oft bei einem Schreiner. Letztendlich entschloss er sich jedoch
nach Abschluss der Schule, Maurer zu werden: „Damit konnte man besser Geld verdienen.“ 

Aus seinem Ort gingen viele Menschen ins Ausland. Er selbst wäre gerne in die USA gegangen. Sein Großvater hatte dort lange Jahre zuvor mit Brüdern eine Firma gegründet. Seine Familie
hätte eigentlich aus Italien nachkommen sollen, doch dann starb er.
Diesen Schock hat Aurelio Tamburellos Mutter nie verwunden. Als der
eigene Sohn dann später ausgerechnet in die USA wollte, war sie strikt
dagegen. Zu groß war die Angst, ihn wie den Vater möglicherweise niemals
mehr wiederzusehen. Es gab aber auch Männer aus Bisacquino, die in
Deutschland Arbeit gefunden hatten. Große Firmen warben in ganz Italien
sowie anderen Mittelmeerländern junge Arbeitskräfte an. Ein Bekannter
überredete während seines Heimaturlaubs Aurelio Tamburello, ihn in den
Norden zu begleiten. So kam der damals 21-Jährige am 22. September 1960
nach Offenburg-Windschläg. 

„Ich sprach damals kein Wort deutsch. Aber ich war jung und hatte keine Angst. Es war wie ein Abenteuer“, sagt der 78-Jährige mit funkelnden Augen. Auf dem Firmengelände der
Gießerei gab es für die Gastarbeiter zwei Baracken mit Schlafräumen,
Küchen und Badezimmern. Darin wohnten 24 Italiener. Je drei teilten sich
ein Zimmer. „Abends gingen wir immer spazieren“, berichtet Aurelio
Tamburello. Eines der ersten Wörter, die er dabei lernte war in
schönstem Badisch „N‘obend“. Die Begegnungen mit den Einheimischen waren
laut dem heutigen Rentner damals freundlich. Obwohl andere davon
erzählten, ist ihm selbst echte Fremdenfeindlichkeit nicht begegnet. Im
Gegenteil: Deutsche Kollegen luden ihn ein, mit ihnen ins Gasthaus zu
gehen oder sogar zum Essen zu sich nach Hause. 

Die Arbeit in der Gießerei war allerdings sehr hart und staubig. Aurelio Tamburello
schaute sich deshalb nach etwas anderem um und fand in Offenburg eine
Stelle in einem Autohaus mit Werkstatt. Dort konnte man einen Maurer
gebrauchen. Noch heute steht auf dem Gelände ein Bürogebäude, das der
Sizilianer gemauert hat. 38 Jahre blieb er in der Firma, erledigte
alles, was dort so anfiel, übernahm sogar bei Geschäftsreisen der
Firmeninhaber Chauffeursdienste. Mit dem Ehepaar hatte er ein sehr
freundschaftliches Verhältnis. Selbst kinderlos, behandelten sie Aurelio
Tamburello fast wie einen Sohn. Einmal wollte er zurück nach Sizilien,
ein andermal liebäugelte er damit, doch noch in die USA auszuwandern.
Aber sein Arbeitgeber bat ihn zu bleiben. Und so blieb er.

1967 heirate er eine Frau aus seinem ursprünglichen Heimatort. Sie wohnte
damals mit ihrer Familie in Wehr am Rhein, machte aber wie Aurelio
Tamburello in Sizilien Ferien, wo sich die beiden auch verliebten.
Eigentlich wäre sie lieber in Wehr wohnen geblieben, folgte ihrem
Ehemann aber nach Offenburg. Schließlich hatte er dort eine gute
Arbeitsstelle. „Sie vermisste ihre Familie und Freunde schrecklich und
hat sich nie wirklich eingelebt“, erzählt er mit Bedauern. Auch nicht,
nachdem ihr Mann ein Haus in Waltersweier kaufte und es mit eigenen
Händen renovierte. 

Inzwischen ist er leider Witwer und wohnt alleine darin. Einsam ist er aber keineswegs. Tochter Teresa lebt mit ihrem Mann im Nebenhaus, ihre Hündin Gina ist seine Begleiterin auf den
täglichen Spaziergängen und außerdem gibt es noch die beiden inzwischen
erwachsenen Enkel. Im Übrigen liebt er die Arbeit in seinem Garten. In
Italien leben möchte er nicht mehr. Dafür ist er zu lange fort. „In
Deutschland bin ich ein Ausländer, dort inzwischen aber auch“, so
Aurelio Tamburello mit einem Augenzwinkern. „Ich bin in Sizilien
geboren, begraben werde ich hier.“

Autor: Anne-Marie Glaser

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