Interview
Wie gesund ist der Ortenaukreis, Herr Landrat Thorsten Erny?

Landrat Thorsten Erny | Foto: Landratsamt Ortenaukreis
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Ortenau (ag) Im Rahmen unserer Schwerpunktausgabe Gesundheit sprach die Guller-Redaktion mit Landrat Thorsten Erny im Interview darüber, wie gut der Ortenaukreis in diesem Bereich aufgestellt ist.

Wenn Sie den Zustand des Ortenaukreises in einem Satz beschreiben müssten: Wie gesund ist die Ortenau?
Der Ortenau geht es noch gut – wir haben starke Strukturen, engagierte Fachkräfte und ein breites Gesundheitsnetz. Aber dieses „noch“ ist entscheidend: Demografie, Fachkräftemangel und Finanzierung der Gesundheitslandschaft zwingen uns, Versorgung heute neu zu ordnen, damit sie morgen verlässlich bleibt.

Agenda 2030: Wo stehen wir aktuell und welche Meilensteine wurden bereits erreicht?
Die Agenda 2030 ist die vorausschauende Antwort auf die großen Herausforderungen in der Krankenhausversorgung. Wir bauen unsere Kliniklandschaft nicht aus Luxus um, sondern weil moderne Medizin leistungsfähige Strukturen braucht. Wichtige Meilensteine sind bereits erreicht: In Achern ist der Neubau weit fortgeschritten, in Offenburg laufen die Rohbauarbeiten und in Lahr sind die Planungen sehr weit. Alle Projekte liegen bislang in der Zeit- und Kostenplanung; Achern ist sogar deutlich voraus. Wir schaffen moderne Patientenzimmer mit zeitgemäßen Bädern, bessere Arbeitsbedingungen und starke Standorte für die Versorgung der kommenden Jahrzehnte.

Die Krankenkassenbeiträge drohen zu explodieren. Die Bundesregierung möchte mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz gegenlenken. Sie haben sich als Landrat wegen der finanziellen Folgen für das Ortenau Klinikum dagegen gewehrt. Wie geht es nun weiter? Sind Sie mit der Änderung zufrieden?
Überhaupt nicht! Das Ergebnis ist für den Ortenaukreis und das Ortenau Klinikum ein schwerer Schlag. Wir haben früh Alarm geschlagen – und der Beschluss bestätigt unsere Sorge. Die gesetzliche Krankenversicherung wird scheinbar stabilisiert, aber die Rechnung wird an Krankenhäuser und kommunale Träger weitergereicht. Allein 2027 erwarten wir für das Ortenau Klinikum nach erster Bewertung zusätzliche Belastungen von mehr als 15 Millionen Euro, sodass wir für 2027 mit einem Defizit von über 50 Millionen Euro rechnen müssen. In den kommenden Jahren droht sogar eine Verdoppelung des ohnehin hohen Defizits.

Warum ist das besonders bitter für den Ortenaukreis?
Das ist besonders bitter, weil der Ortenaukreis seine Hausaufgaben mit der Agenda 2030 frühzeitig gemacht hat. Unsere Reform ist nicht das Problem – sie ist Teil der Lösung. Bundesweit hat die Ortenau eine der niedrigsten Bettenzahlen, was ja auch langfristiges Ziel der Bundesregierung ist. Wenn dieser Prozess durch zusätzliche Belastungen aus Berlin ausgebremst wird, trifft das besonders uns, die schon früh Verantwortung übernommen haben. Jetzt braucht es schnelle Unterstützung, ein Nothilfeprogramm des Landes und eine dauerhaft verlässliche Krankenhausfinanzierung.

Wie groß ist die Gefahr, dass sich der Kreis irgendwann gar keine Klinik mehr leisten kann?
Der Ortenaukreis steht klar zur öffentlichen Trägerschaft und zur Verantwortung für die Gesundheitsversorgung. Aber kein Landkreis kann dauerhaft Defizite in immer neuer Millionenhöhe schultern, wenn die Finanzierung durch Bund und Land nicht trägt. Genau deshalb stellen wir unsere Klinikstruktur neu auf: weniger Doppelstrukturen, Konzentration auf wenige Standorte, moderne Medizin. Wir tun, was wir selbst beeinflussen können. Was wir nicht leisten können, ist eine dauerhafte Unterfinanzierung auszugleichen, die an anderer Stelle im Kreishaushalt fehlt – bei Schulen, Kitas, Straßen, Pflege oder ÖPNV.

Gesundheit beginnt nicht erst im Krankenhaus. Was tut der Kreis im Bereich Prävention, damit die Menschen möglichst lange gesund bleiben?
Prävention heißt für uns: Nicht warten, bis Menschen krank werden, sondern Strukturen schaffen, die Gesundheit im Alltag stärken – verständlich, wohnortnah und vernetzt. Genau daran arbeitet die Kommunale Gesundheitskonferenz, KGK, des Ortenaukreises. Sie stärkt Gesundheitskompetenz, also die Fähigkeit, Informationen einzuordnen, Angebote zu verstehen und sich im Gesundheitssystem zurechtzufinden. Ein wichtiger Baustein ist auch unser Präventionsnetzwerk Ortenau. Dort geht es darum, Familien, Kinder und Jugendliche früh zu unterstützen und Belastungen möglichst gar nicht erst zu chronischen Problemen werden zu lassen.

Die Bevölkerung wird älter. Wie gut ist der Ortenaukreis auf die steigende Zahl pflegebedürftiger Menschen vorbereitet?
Der demografische Wandel ist eine der großen sozialen Aufgaben der kommenden Jahre. Mit unserer Bedarfsplanung Pflege 2040 schauen wir frühzeitig darauf, wie sich der Bedarf an stationärer Pflege, Kurzzeitpflege und Tagespflege entwickelt. Mehr Pflegeheime allein werden diese Aufgabe nicht lösen. Dafür fehlen absehbar die Fachkräfte und auch die Zahl pflegender Angehöriger geht zurück. Deshalb stärken wir ambulante und wohnortnahe Angebote: Nachbarschaftshilfen, Unterstützung im Alltag, Demenzberatung und den Pflegestützpunkt. Wichtig ist auch die Ausbildung. Der Kreis hat eine neutrale Koordinierungsstelle für die Ausbildung der Pflegeberufe geschaffen, und in der KGK arbeiten die zentralen Akteure eng zusammen. Dieses Netzwerk ist eine große Stärke der Ortenau.

Worauf kann der Ortenaukreis in Bezug auf die Entwicklung des regionalen Gesundheitsstandorts ganz besonders stolz sein?
Was mich wirklich überzeugt: Der Ortenaukreis hat mit der Agenda 2030 früh Verantwortung übernommen und den Mut gehabt, die Gesundheitsversorgung nicht nur zu verwalten, sondern neu aufzustellen. Besonders wichtig ist mir der Blick auf die Menschen, die dieses System jeden Tag tragen: in unseren Kliniken, in der Pflege, in Arztpraxen, im Rettungsdienst inklusive des neuen Rettungshubschraubers „Christoph Ortenau“, in Beratung und Prävention. Sie sorgen dafür, dass Gesundheitsversorgung in der Ortenau nicht nur ein politisches Ziel bleibt, sondern im Alltag funktioniert. Genau dafür schaffen wir als größter Landkreis Baden-Württembergs die Strukturen.

Landrat Thorsten Erny | Foto: Landratsamt Ortenaukreis

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