Jean-Marie Woehrling leitet das Elsässische Kulturzentrum
"Deutsch ist Hinterhof meiner eigenen Kultur"

Jean-Marie Woehrling ist Leiter des Elsässischen Kulturzentrums. Deutsche Literatur wird dort angeboten und Veranstaltungen finden dort statt. Foto:
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  • Foto: Michael Bode
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Straßburg. Wer sich mit Jean-Marie Woehrling über sein Engagement austauscht, landet unweigerlich in der gemeinsamen Geschichte Deutschlands und Frankreichs und im Speziellen des Elsass und Badens. Einer Geschichte, deren Gemeinsamkeiten er seit einigen Jahren herausarbeitet. Jean-Marie Woehrling ist seit neun Jahren Vorsitzender der René-Schickele-Gesellschaft und damit Leiter des Elsässischen Kulturzentrums – einem Ort zum Austausch, zur Bildung, zur Information und als Spiegel aller Arten künstlerischen und sprachlichen Schaffens.

Sonntagsporträt

Woehrlings eigene Geschichte beginnt natürlich auch im Elsass. 1947 in Mühlhausen geboren, studierte er später Rechts- und Politikwissenschaften in Straßburg und Paris. Nach dem Besuch der Nationalen Hochschule für Verwaltung kehrte er nach Straßburg zurück und war von 1975 bis 1983 Richter am Verwaltungsgericht. Es folgten zwei Jahre in Paris, in denen er bei der Regierung Beauftragter für das elsässisch-lothringische lokale Recht war. Über das Oberverwaltungsgericht in Nancy war Straßburg seine letzte berufliche Station, zuerst als Präsident des Verwaltungsgerichts und ab 1998 als Generalsekretär der Zentralkommission für die Rheinschifffahrt.

"Elsässische Mundart ist eine Facette einer gemeinsamen Sprache, nämlich der deutschen." Damit macht Woehrling auch klar: "Für uns Elsässer ist Deutsch nicht die Sprache des Nachbarn – wie es Französisch für die Deutschen ist." Es hat lange gedauert, "bis diese Ideen salonfähig" wurden, sagt Woehrling und sieht weiterhin Vorbehalte und Hemmnisse. Da ist sie wieder, die wechselvolle Geschichte.

Der Rhein als Buchfalz zweier Seiten

Er zitiert René Schickele: "Das Land der Vogesen und das Land des Schwarzwalds waren wie die zwei Seiten eines aufgeschlagenen Buches – ich sah deutlich vor mir, wie der Rhein sie nicht trennte, sondern vereinte, indem er sie mit seinem festen Falz zusammenhielt." Schickele, 1940 im Exil verstorben, war elsässischer Schriftsteller, Essayist, Übersetzer und Pazifist. Er schrieb fast ausschließlich in deutscher Sprache. Ihm Nationalismus vorzuwerfen, ist von Grund auf falsch, betont Woehrling. Inzwischen sieht Woehrling, dass Politiker hüben wie drüben für eine Art der Einigkeit zwischen Baden und Elsass seien, "sie tun aber nichts dafür", kritisiert er: "Ohne die selbe Sprache gibt es keinen Austausch über Kultur, Literatur und Geschichte."

Er selbst ist mit Französisch und Mundart aufgewachsen: "Verstehen konnte ich als Kind Deutsch gut, sprechen aber schlecht." Für seine zwei Kinder war es ihm aber wichtig, die deutsche Sprache von Beginn an zu beherrschen. "Dafür war ich zuständig", sagt er schmunzelnd. Seine Kinder besuchten daher bewusst einen Kehler Kindergarten und wurden zudem von einer deutschen Familie tagsüber betreut. "So sind meine Kinder zweisprachig aufgewachsen", sagt Woehrling. Auf der Hochschule für Verwaltung ist ihm klar gemacht worden, was seine Aufgabe ist: Ein französischer Beamter im Elsass ist das Bindeglied zwischen Elsass und Baden. "Für diese Weisheit musste ich nach Paris gehen", erzählt Woehrling und muss lächeln. Dabei, so blickt er in die Geschichte, war das Elsass eine Region, die Kultur aus dem Osten aufgenommen und in den Westen weitergetragen hat: "So konnte sich das Elsass an vielen Quellen erfrischen." Für sich weiß er: "Deutsch ist der Hinterhof meiner eigenen Kultur."

Nur ein Baustein sind für ihn zweisprachige Straßennamen. So wie der Place de la République inzwischen wieder das Schild mit dem Kaiserplatz führt. Die mundartlichen Straßennamen in der Altstadt Straßburgs sollen ein Zwischenschritt sei. Die auf ihn eher folkloristisch wirken. "Es ist ein ehrgeiziges Ziel der Zweisprachigkeit", weiß Woehrling. Denn nur sechs Prozent aller elsässischen Schulen unterrichten in deutscher Sprache. Für mehr gibt es aber zu wenig ausgebildete Lehrer.

Für das Elsässische Kulturzentrum streckt er nun die Fühler in die Ortenau aus und sucht mit dem Kehler Club Voltaire, dem Historischen Verein, dem Landesverein Badische Heimat und der Muettersproch-Gesellschaft Verbündete: "Wir wollen Deutsch als Kultur zurückgewinnen."

Autor:

Rembert Graf Kerssenbrock aus Kehl

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