6. Oktober 2017, 23:52 Uhr | 0 | 6 Leser

An(ge)dacht: Ihre Begleiterin durch die Woche
Eine Einheit lässt auch die Vielfalt zu

Dr. Ruth Scholz
Dr. Ruth Scholz

Am 3. Oktober haben wir den Tag der deutschen Einheit gefeiert. Doch sind wir tatsächlich eine Einheit, wenn viele Menschen Merkel zur Kanzlerin wählen und andere „Merkel muss weg“ skandieren? Wenn ein nicht kleiner Prozentsatz von Bürgern Parteien am rechten, aber eben auch am linken Rand wählen? Was heißt da Einheit?

Am 31. Oktober werden wir das 500-jährige Reformationsgedenken begehen. Seither sind die Christen nicht mehr eins. Oder sind sie es doch? Jesus trägt ihnen im Johannesevangelium eigentlich Einheit auf! Werden die Kirchen diesem Auftrag gerecht?

Einheit ist mit Sicherheit nicht erst dann gegeben, wenn alle, die zu einer Einheit gehören, immer dasselbe tun oder denken; wenn alle völlig gleich sind beziehungsweise handeln. Ein Staat mit solch einer Einheit wäre totalitär, eine Religionsgemeinschaft fundamentalistisch.

Einheit, zumindest erstrebenswerte Einheit, lässt Vielfalt zu. Und dennoch muss es etwas geben, was alle eint. Bezüglich der deutschen Einheit ist das die Zugehörigkeit zum deutschen Volk. Die Einheit ist in Gefahr, wo Deutschen abgesprochen wird, wirklich Deutsche zu sein. Bei Christen genauso: Wo Christen der anderen Konfession abgesprochen wird, richtige Christen zu sein, gibt es keine Einheit – und jahrhundertelang war das so!

Mittlerweile eint die Christen die eine Taufe und alle erkennen das an. Und dennoch bleibt Einheit der Christen noch etwas, wonach man auch weiter streben sollte; da gibt es noch etliches, was aussteht.

Und bei der deutschen Einheit? Vielleicht ist es da genauso. Auch bei der Einheit zwischen Ost und West steht vielleicht noch einiges aus, aber auch bei der zwischen Arm und Reich, zwischen ländlichen Regionen und großen Städten, zwischen Deutschen mit Migrationshintergrund und ohne, zwischen Jung und Alt...

Vielleicht ist das ja sogar ein Wesen von Einheit. Sie ist eine Zielvorstellung. Nach ihr gilt es zu streben und das Erreichte gilt es dann auch zu bewahren, sowohl in Deutschland wie in den Kirchen.

Dr. Ruth Scholz
kath. Dekanatsreferentin
Offenburg-Kinzigtal