Zahlen der Agentur für Arbeit
51.000 Gründe, über Minijobs zu reden
- Wie viele Minijobber gibt es eigentlich im Ortenaukreis und in welchen Branchen? Chefredakteurin Anne-Marie Glaser (rechts) bat Theresia Denzer-Urschel, Vorsitzende der Geschäftsführung Agentur für Arbeit Offenburg, um konkrete Zahlen und deren Einordnung.
- Foto: Christina Großheim
- hochgeladen von Anne-Marie Glaser
Ortenau (ag) Der Koalitionsausschuss hat am 2. Juli beschlossen, die Pauschalsteuer für Minijobs von zwei auf fünf Prozent zu erhöhen. Das ist aber noch nicht Gesetz. Am 10. Juli beschloss der Deutsche Bundestag, den pauschalen Krankenversicherungsbeitrag der Arbeitgeber für gewerbliche Minijobs von 13 Prozent auf voraussichtlich 17,5 Prozent anzuheben. Die Erhöhung gilt ab 1. Januar 2027. Parallel dazu liegt im Rahmen der Rentenreform ein Vorschlag auf dem Tisch, den steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Sonderstatus der Minijobs abzuschaffen. Lediglich für Schüler sollen Ausnahmen möglich sein. Die Koalition hat zwar zunächst erklärt, die Empfehlungen der Alterssicherungskommission vollständig umsetzen zu wollen. Beschlossen ist aber noch nichts.
Unmittelbar betroffen
Ein Großteil der Zusteller unserer Sonntagszeitung Der Guller sind Minijobber. Unsere Zeitung wäre von möglichen Änderungen also unmittelbar betroffen – negativ. Damit stehen wir im Ortenaukreis nicht alleine. In unserer neuen Serie "Deshalb Minijob!" möchten wir das Thema näher beleuchten und haben in Teil 1 die Agentur für Arbeit Offenburg um konkrete Zahlen und Hintergründe gebeten.
Besondere Bedeutung bekam der Minijob im Rahmen der großen Hartz-Reform 2003. "Der Wunsch war damals, Menschen eine Brücke in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu bauen", erklärt Theresia Denzer-Urschel, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Offenburg. "Diese Hoffnung hat sich so nicht erfüllt."
Erfolgsmodell
Trotzdem wurde der Minijob in einem anderen Bereich zu einem Erfolgsmodell. Allein die Zahl der Menschen, die neben ihrer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit noch einen Nebenjob haben, hat sich fast verdreifacht. "Das ist eine drastische Steigerung", so die Chefin der Agentur für Arbeit Offenburg und betont: "Es gibt einen Markt für Minijobs, weil Arbeitnehmer und Arbeitgeber Vorteile für sich sehen."
Über 51.000 Menschen im Ortenaukreis hatten im Dezember 2025 einen Minijob. 25.428 übten ihn neben einer sozialversicherungspflichtigen Hauptbeschäftigung aus, 26.113 waren ausschließlich geringfügig beschäftigt. Theresia Denzer-Urschel: "Wenn so viele Menschen einen Minijob zu einer Haupttätigkeit ausüben, zeigt dies, dass sie das Geld brauchen." Bei den ausschließlich geringfügig Beschäftigten sind vor allem die Altersgruppen bis 25 Jahre (21 Prozent) und über 65-Jährige (33 Prozent) besonders stark vertreten. Das sind beispielsweise Schüler und Studenten sowie Rentner.
Ein Argument von Minijob-Kritikern ist: Die Vergünstigungen verführen Minijobber dazu, an ihrer Arbeitssituation nichts zu ändern – beispielsweise, wenn sie durch Ehegattensplitting und Familienmitversicherung profitieren. Wie viele Hausfrauen einer geringfügigen Beschäftigung nachgehen, wird statistisch nicht erfasst. Fest steht aber: Im Ortenaukreis gibt es in beiden Gruppen mehr weibliche als männliche Minijobber. Insgesamt waren es im Dezember 28.757 Frauen und 22.784 Männer. "Man kann über das Thema nicht diskutieren, ohne auch auf andere Faktoren zu blicken", sagt die Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Offenburg. Die Praxis zeigt durchaus, dass es auch Fehlanreize gibt. Um Frauen dafür zu sensibilisieren, bietet die Agentur für Arbeit unter anderem Impulsvorträge an. Einer trug den Titel "Ein Mann ist keine Altersversorgung".
Teilhabe am Leben
Gleichzeitig erklärt Theresia Denzer-Urschel: "Es gibt Frauen, die können aus objektiven Gründen nicht arbeiten." Das kann der familiären Situation geschuldet sein oder der Gesundheit. Dann ist es positiv, wenn zumindest eine geringfügige Beschäftigung möglich ist und sie auf diese Art ihre beruflichen Qualifikationen erhalten. Das Ganze darf aber nicht nur arbeitspolitisch betrachtet werden, sondern hat darüber hinaus eine gesellschaftliche Komponente. "Isolation ist ein stark unterschätztes Thema", betont sie. "Teilhabe an Arbeit ist auch Teilhabe am Leben."
Gastgewerbe und Handel
Die meisten Minijobber sind im Ortenaukreis im Gastgewerbe und im Handel beschäftigt. Es folgen verarbeitendes Gewerbe sowie Gesundheits- und Sozialwesen. Die Aussage „Ohne Minijobs verschärft sich der Fachkräftemangel“ ist ihr zu allgemein. Für den Fachkräftemangel ist unter anderem entscheidend, welche Qualifikationen benötigt werden. Mangelberufe mit Engpässen sind beispielsweise Berufskraftfahrer oder Köche, welche nur selten in einem geringfügigen Beschäftigungsverhältnis stehen. Letztendlich ist das aber ein Blick in die Glaskugel. Das gilt ebenso für die Frage, ob sich beim Wegfall der Minijobs die Zahl der Vollzeitstellen erhöht. "Wir wissen es nicht", so Theresia Denzer-Urschel und gibt gleichzeitig zu bedenken: "Wir haben jetzt schon den Trend, dass die Zahl der Teilzeitbeschäftigten wächst, auch weil sich Familienmodelle geändert haben." Beispielsweise arbeiten manche Paare jeweils nur noch 80 Prozent.
Und die Auswirkungen auf den Ortenauer Arbeitsmarkt? An einen Zusammenbruch glaubt Theresia Denzer-Urschel nicht. Aber ein Teil der bisher geringfügig Beschäftigten könnte sich zurückziehen. Für Arbeitgeber würden die Lohnnebenkosten steigen, wodurch sich Dienstleistungen und Produkte verteuern können.
Sechs Fakten rund über den Minijob im Ortenaukreis
Der Minijob wird immer häufiger zum Nebenjob: 2015 hatten 28.777 Menschen ausschließlich einen Minijob, 2025 waren es 26.113.
Das sind 9,3 Prozent weniger. Gleichzeitig stieg die Zahl der Nebenjob-Minijobber von 18.922 auf 25.428, also 34,4 Prozent mehr.
Fast jeder zweite Minijob wird zusätzlich zu einem Hauptjob ausgeübt: 2025 waren 49,3 Prozent Nebenjobber. 2015 waren es erst 39,7 Prozent. Aus einem Verhältnis von ungefähr 60 zu 40 ist nahezu 50 zu 50 geworden.
Insgesamt gibt es heute mehr Minijobber als vor zehn Jahren: Die Zahl stieg von 47.699 im Jahr 2015 auf 51.541 im Jahr 2025. Das ist ein Plus von 8,1 Prozent. Der Minijob verliert also insgesamt nicht an Bedeutung, obwohl die ausschließlich geringfügige Beschäftigung zurückgeht.
Vor allem Gastgewerbe und Handel beschäftigen viele Minijobber: 8.991 Minijobber arbeiteten 2025 im Gastgewerbe, 8.577 im Handel einschließlich Kfz-Bereich. Zusammen sind das 17.568 Menschen und damit gut ein Drittel aller Minijobber.
Im Gastgewerbe hat der Minijob erheblich an Bedeutung gewonnen: Die Zahl stieg innerhalb von zehn Jahren von 7.162 auf 8.991, das sind 25,5 Prozent mehr. Gleichzeitig halten sich dort ausschließliche Minijobber (4.480) und Nebenjobber (4.511) inzwischen praktisch die Waage.
Auch im Gesundheits- und Sozialwesen gibt es deutlich mehr Minijobber: Ihre Zahl stieg von 4.310 auf 5.213 und damit um rund 21 Prozent.
Zahlenquelle Agentur für Arbeit/Berechnung KI/ag







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