Gesellschaft
Der Mythos der Hexe

Offenburger Hexe
  • Offenburger Hexe
  • Foto: Compak [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]
  • hochgeladen von Franziska Runge

Einst unterdrückt durch die Kirche. Heute gefeiert und romantisiert. Sagen und Legenden von Hexen sind Teil unserer Kultur, ob in Gutach, Hamburg oder im Harzgebirge.

Als ich vor wenigen Tagen hier auf der Internetseite stadtanzeiger-ortenau.de einen Artikel über die Hexenzunft der Bohneburger Fastnacht und kurz darauf auf Facebook auf einen Artikel stieß, fragte ich mich, was der Reiz am Mythos der Hexe ist. Ist es der Glaube oder vielleicht eine heimliche Hoffnung, dass was dran sein könnte an den Legenden - dass es sie vielleicht doch gab oder gibt, Wesen mit übernatürlichen Fähigkeiten?

Jeder vierte Deutsche aufgeschlossen gegenüber Wunder- und Geistheilern

Die “Zeit” berichtet, dass laut einer Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (Allbus) jeder vierte Deutsche aufgeschlossen sei gegenüber Wunder- und Geistheilern. Rund 40 Prozent der Deutschen hielten gemäß dieser Umfrage etwas von Astrologie oder New Age.

Der “Standard” berichtet, dass in Österreich mehr Menschen an Esoterik glauben würden als an Gott. In dem genannten Artikel heißt es, dass 40 Prozent der Österreicher glauben würden, dass es Engel gibt und dass 22 Prozent der Österreicher daran glauben würden, dass es Schamanen gibt, die mit Geistern und Toten sprechen können.

Wie sind diese Zahlen zu erklären?

Anne-Maria Makhulu, Professorin der Kulturanthropologie an der Duke University, forscht an der fortwährenden Praxis der Hexerei. Für einige Menschen sei, laut der Professorin, die Praxis von Hexerei die Befriedigung eines menschlichen Grundbedürnisses. Laut Frau Makhulu, würden Personen, die - heimlich oder öffentlich - an magische Kräfte glauben, daran glauben, dass Magie in der Welt des Einzelnen Gerechtigkeit herstellen könne, wo der Einzelne die Welt als ungerecht erlebt. Wir bräuchten Zauber in unserem Leben, weil unsere Welt entzaubert wurde, sagt Makhulu. Wir hätten das Bedürfnis nach einem Glauben, der etwas größeres und besseres verspricht als wir hätten, ergänzt die Professorin.

Die Hoffnung, dass das Leben mehr zu bieten hat

Demnach könnte der Mythos der Hexe deshalb fortleben, weil ein Großteil der Menschen eine Kluft zwischen den eigenen Wünschen und der erlebten Lebensrealität als psychologisches Dilemma, als Schmerz erlebt. Die Hinwendung zu oder auch nur das Liebäugeln mit dem Glauben an magische Kräfte scheint eine vielleicht oft unbewusste Selbsthilfe-Strategie zu sein, emotionalem Schmerz über Enttäuschungen des Lebens etwas entgegen zu setzen: nämlich die Hoffnung, dass das Leben mehr zu bieten hat als unsere individuellen aktuellen Lebensumstände.

Der Drang, selbst zu Handeln

Der Reiz der Sagen und Legenden von Hexen ist offenbar nicht auf die sprachliche Auseinandersetzung mit dem Thema begrenzt. Ob in Gutach der Verein der Bühlersteiner Hexen, der Freiburger Hexen-Verein oder die Hexenzunft von Villingen-Schwenningen, welchen Ort im deutschsprachigen Raum man bei Google auch eingibt - zusammen mit dem Begriff “Hexen” hat man gute Chancen, vielerorts einen organisierten Verein zu finden, der den Mythos der Hexe zelebriert und durch kulturelle regelmäßige Veranstaltungen am Leben erhält.

Einige Enthusiasten des Mythos der Hexe gehen noch weiter

Im Internet finden sich ganze Seiten, die konkrete Anleitungen geben, um Hexen-Rituale selbst auszuführen. Wie zum Beispiel die Seite: freie-hexen-seite.de. Die Internetseite des Hexenladen-Hamburg bietet ein ganzes Archiv von Zauber-Ritual-Anleitungen. Man findet sogar Anleitungen für Rituale zum Selbermachen mit Fotos. Wie die Stuttgarter Nachrichten berichten, gibt es in Tübingen eine Hexenschule, deren Teilnehmer sich einmal im Monat treffen.

Freie “Hexen” und “Hexen”, die organisierten Zirkeln angehören

Die Ethnologin Dr. Victoria Hegner von der Universität Göttingen forscht seit Jahren bezüglich des Themas der neuheidnischen “Hexenreligion”. Im Interview mit dem “Spiegel” sagte die Wissenschaftlerin, dass es vor allem die “urbane Mittelschicht” sei, die sich angezogen fühlen würde von der “Hexenbewegung”. Hegner unterscheidet zwischen zwei Arten von Anhängern dieser esoterischen Kultur: Es gäbe freie “Hexen” sowie Anhänger der Bewegung, die in festen Zirkeln organisiert sind. Das prominenteste Beispiel einer organisierten Hexenkultur in westlichen Ländern ist der Wicca-Kult. Der Wicca-Kult findet seinen Ursprung in den fünfziger Jahren in Großbritannien. In Großbritannien ist der Wicca-Kult als Religion anerkannt, sowie auch in Teilen der USA. Nach den Regeln dieses Zirkels darf sich als Wicca nur bezeichnen, wer von Mitgliedern dazu berechtigt wurde.

Der Mythos der Hexe ist untrennbar verbunden mit ihrer Verfolgung

Im deutschsprachigen Raum sowie in anderen westlichen Ländern müssen selbsternannte “Hexen” in der heutigen Zeit nicht um ihre Sicherheit fürchten. Das war bekanntlich nicht immer so. Zwischen 1550 und 1650 erreichte die Hexenverfolgung im europäischen Raum ihren Höhepunkt. Folterungen und brutale Hinrichtungen vor allem von Frauen aber auch von Männern, die der Hexerei oder Zauberei beschuldigt wurden waren üblich. Das letzte Todesopfer der europäischen Hexenverfolgung wurde laut Wikipedia in Brandenburg am 17. Februar 1701 hingerichtet. Dies war das Ende der Hexenverfolgung im europäischen Gebiet. Doch leider war dies nicht das Ende der Hexenverfolgung in anderen Ländern.

Seit 1960 mehr Todesopfer durch Hexenverfolgung als während der gesamten europäischen Verfolgungsperiode

Auf der Internetseite Wikipedia ist in dem Artikel mit dem Titel “Hexenverfolgung” zu lesen, dass seit 1960 vermutlich mehr Menschen wegen Hexerei umgebracht worden seien als während der gesamten europäischen Verfolgungsperiode. Die Ermordung von Personen, denen die Ausführung von Schadenzaubern unterstellt wird, ist in zahlreichen Ländern und Kulturen heute nach wie vor Realität. Betroffene Gebiete seien: z. B. Lateinamerika, Südostasien, Afrika, Indonesien, Indien und arabische Staaten. Hier ein paar Fallbeispiele:

  • In Tansania allein würden seit den 1990er Jahren im Jahresdurchschnitt 2 bis 4 Menschen pro Woche getötet, weil sie der Hexerei bzw. der Zauberei beschuldigt würden.
  • Aktuell würde über Aggressionen gegen sogenannte Hexenkinder im Kongo berichtet. Kinder, deren Eltern an der Erkrankung AIDS gestorben sind, würden von einigen Personengruppen für den Tod der Eltern verantwortlich gemacht und verfolgt. Aus Nigeria, Benin und Angola würde ähnliches berichtet.
  • In einigen afrikanischen Ländern, z. B. in Malawi und in Kamerun seien Gesetze gegen Hexerei wieder erlassen worden. Tendenzen in diese Richtung seien in fast allen afrikanischen Staaten zu beobachten. Dies würde als Versuch betrachtet, Hexenprozesse nicht aggressiven Lynchmobs zu überlassen, sondern durch Staatsgewalt willkürliches Morden einzudämmen.
  • In Saudi-Arabien würden Zauberei bzw. Hexerei mit der Todesstrafe geahndet. Armut, Epidemien, soziale Missstände und fehlende Bildung wäre eine der Ursachen der Hexenverfolgung. Eine weitere Ursache sei der wirtschaftliche Profit den Verfolger und deren Anführer, häufig Pastoren oder „Hexendoktoren“, die z. B. an Exorzismen oder am Verkauf von Körperteilen der Opfer des Lynchens verdienen.

Im Westen heute gefeiert und praktiziert - in einigen anderen Ländern in der Gegenwart mit Ritualmorden bekämpft

Warum wird der Mythos der Hexe in der Gegenwart in westlichen Ländern öffentlich ohne nennenswerten kollektiven Widerstand gefeiert und sogar durch beachtliche Anhängerschaft ernsthaft praktiziert, während der Mythos der Hexe in anderen Ländern noch immer verantwortlich ist für willkürliche, brutale Ritualmorde im großen Stil?

Diese Fragen ausführlich zu beantworten, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Die Ursachen der Hexenverfolgung sind je nach Zeit und Region auch unterschiedlich. Ich nenne hier nur einige der Hauptaspekte, die auf Wikipedia in dem Artikel mit dem Titel “Hexenverfolgung” zumindest als Ursachen für die Hexenverfolgung im europäischen Raum aufgelistet werden:

  • Schon in frühchristlichen Zeiten findet ein folgenreicher theologischer Diskurs seinen Ursprung: die Verknüpfung von Zauberei und Dämonologie im sogenannten Teufelspakt.
  • Schwere Krisen von Armut und Notstand am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit
  • Der Dreißigjährige Krieg und seie Auswirkungen
  • Die Suche nach Sündenböcken in solchen existentiellen Notlagen
  • Ängste und Massenhysterien, die sich oft zu Volksbewegungen aufschaukelten
  • Persönliche Motive von Denunzianten
  • Die Rolle der Kirchen
  • Rolle der Obrigkeit, die in größerem Umfang bereit gewesen sein muss, Hexenprozesse zu fördern oder zumindest zu tolerieren
  • An Universitäten wurde die Hexenverfolgung in den mehreren Fakultäten theoretisch untermauert
  • Die Macht zur Zensur des seit 1450 neu aufgekommenen Buchdrucks lag vornehmlich bei den Unterstützern der Hexenverfolgung
  • Die Legalität von Folter in vielen europäischen Rechtssystemen führte zu zahlreichen erpressten “Geständnissen“.
  • Mit zunehmender Etablierung der Hexenverfolgung wurde die Kritik der Hexenverfolgung immer gefährlicher in der Hinsicht, dass mögliche Kritiker fürchten mussten, selbst gefoltert und hingerichtet zu werden.

Die Äufklärung, die Entfaltung der modernen Wissenschaften und die Etablierung liberaler Rechsstaaten haben die Aggressionen bezüglich des Mythos' der Hexe im europäischen Raum abklingen lassen - doch erstaunlicherweise nicht vollständig dessen Attraktion.

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