Angedacht: Hans-Georg Dietrich
So werden auch Wartezimmer fröhlich

Hans-Georg Dietrich

Jeder hat schon auf einem Stuhl vor einer Tür gesessen und gewartet. Wartezimmer sind nicht fröhlich.

Vor einigen Jahren war ich in einer Uniklinik. Ungefähr 25 Menschen saßen wartend auf dem Flur. Keiner redete. Alle waren stumm. Die Stimmung war fast etwas mürrisch. Einige beschäftigten sich mit ihren Handys, andere blätterten in alten Zeitschriften. In der Ecke stand unbeachtet ein Kinderwagen. Da bewegte sich etwas unter der Decke. Eine junge Frau stand auf, hob ein Baby heraus und nahm es auf den Arm.

Wie durch ein Wunder veränderte sich der ganze Raum. Alle schauten auf das Kind, das die Mutter zärtlich schaukelte. Das Baby machte große Augen. Es strampelte fröhlich und fuchtelte mit den Ärmchen herum. Dann lächelte es. In diesem Augenblick zog in unsere leeren Wartezimmergesichter etwas Freudiges ein. Wie magisch zog das Kind unsere Blicke auf sich. Einige lächelten und winkten ihm zu. Das kleine Kind erfüllte und beherrschte den ganzen Raum. Keiner konnte sich seiner Wirkung entziehen.

Diese Wirkung besingt auch ein Weihnachtslied: „Das helle Licht geht darein, gibt der Welt ein neuen Schein, es leucht wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht.“

Unsere Welt ist oft wie das große Wartezimmer einer Klinik – mit allerlei Gebrechen und Sorgen, mit aller Sprachlosigkeit und allem teilnahmslosen Nebeneinander. Ein Wartezimmer mit Schmerzen, Unsicherheit und Angst. In dieses Wartezimmer hinein kommt dieses Kind. Es will unsere Blicke und unsere Herzen auf sich ziehen, damit wir froh werden, getröstet und zuversichtlich. Darauf warten wir doch in Wirklichkeit gerade im Advent.

Am Ende des Liedes „Macht hoch die Tür“ heißt es: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein, dein Freundlichkeit auch uns erschein“. Auf einmal sind wir nicht mehr im Wartezimmer der Welt, sondern das Wartezimmer ist in uns. Unsere Herzen sind Wartezimmer voller Sehnsucht nach Liebe, Licht und Leben. Unsere Herzen sind Wartezimmer für die Begegnung mit dem Kind.

Selbst diejenigen, die nicht an Gott glauben, werden sich in den Wartezimmern dieser Welt der magischen Ausstrahlung eines Babys nicht entziehen können, das sie vom Arm der Mutter aus anlächelt. So bekommen alle eine Ahnung vom Geheimnis Gottes. Und das ist gut so.

Halten Sie also Ausschau, vielleicht trifft Sie ja ein verwandelndes Lächeln. Ein Baby kann besser predigen als Ihre Pfarrerin, als der Bischof, sogar besser als der Papst. So können sogar Wartezimmer fröhlich werden.

Hans-Georg Dietrich, evangelischer Schuldekan
 im Kirchenbezirk Ortenau

Autor:

Rembert Graf Kerssenbrock aus Kehl

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